Wenn der Klinik-Doktor kein Deutsch spricht…

Vor dem Blick auf den Patienten erst einer ins Wörterbuch? Sprachdefizite bei ausländischen Ärzten sind ein Problem für Patienten und Kollegen.

Gardelegen - Von Gesine Biermann. 24 ausländische Ärzte arbeiten derzeit in den beiden Häusern des Altmark-Klinikums. Sie sind nicht mehr wegzudenken aus Behandlungszimmern und Operationssälen. Gewisse Sprachbarrieren zwischen ihnen und den deutschen Patienten und Kollegen in den Krankenhäusern allerdings auch nicht. Die AZ sprach mit Patienten, Pflegepersonal und dem Geschäftsführer des Altmark-Klinikums darüber.

Die Schmerzen kommen ganz plötzlich – und sie werden immer schlimmer. Katarina (Name geändert) kann sich diese heftigen Krämpfe nicht erklären. Ihre Mutter macht sich ebenso große Sorgen. Kurzerhand fährt sie mit der 17-Jährigen ins Gardelegener Krankenhaus. Sicher ist sicher. In der Notaufnahme, so erzählt es die 40-jährige Gardelegenerin kurz danach, geht dann alles auch ganz schnell. Schon nach wenigen Minuten werden die zwei ins Behandlungszimmer gebeten. „Gott sei Dank“, habe sie noch gedacht. Dann allerdings sehen sich Mutter und Tochter einem jungen schwarzhaarigen Arzt mit olivfarbener Haut gegenüber, der sie zwar sehr freundlich anlächelt, „aber irgendwie überhaupt nicht versteht, was ihm meine Tochter erzählt“, beschreibt es deren Mutter später.

Schnell begreifen die beiden: Der junge Mann im weißen Kittel ist Ausländer. „Und das fand ich dann doch sehr schwierig“, so die AZ-Leserin. „Nicht mal so für mich, sondern mehr für meine Tochter.“ Die sei durch die starken Schmerzen ohnehin völlig verunsichert gewesen und „verstand die Anweisungen nicht, als der Arzt sie untersuchen wollte“.

Um es vorweg zu nehmen: Die Abiturientin wird nach kurzer Behandlung zwei Tage später ohne Symptome aus dem Krankenhaus entlassen. Der junge Mediziner, der wahrscheinlich aus einem Land aus dem Nahen Osten stammt, so vermutet die Leserin, hat seine Arbeit offensichtlich gut gemacht. „Und ich hatte auch eigentlich keine Zweifel an seinen ärztlichen Fähigkeiten“, so die Gardelegenerin gegenüber der AZ. Nur frage sie sich seither, ob die beschriebenen Verständigungsschwierigkeiten wohl in jedem Fall so folgenlos blieben wie in dem ihrer Tochter ...

Nichts anderes indes versichert Matthias Hahn, Geschäftsführer der Altmark-Klinikum gGmbH und Chef der beiden Krankenhäuser in Gardelegen und Salzwedel.

Niemand müsse Angst haben, wenn er sich einem ausländischen Arzt oder einer Ärztin gegenübersehe. Selbst wenn es einmal Verständigungsprobleme geben sollte, sei immer ein deutscher Arzt da, der gerufen werden könne, wenn Probleme auftreten.

Die ausländischen Kollegen übernähmen als Assistenzärzte allerdings häufig eher den Vordergrunddienst, seien daher oft präsenter als „die Stammmannschaft“. Doch wer immer Dienst im Klinikum verrichte: „Wir stehen hinter allen unseren Mitarbeitern“, so Hahn ganz klar.

Aber dennoch zeigt der Klinikchef Verständnis dafür, dass sich Patienten Sorgen machen. Und ja, es gebe Sprachdefizite, räumt er ein.

Verleugnen lassen sich diese Probleme allerdings auch nicht. Immerhin haben nicht nur Patienten, sondern auch die Kollegen der ausländischen Mediziner damit zu kämpfen. Mitarbeiter des Pflegepersonals berichteten der AZ gegenüber von „Missverständnissen“ in Therapieabsprachen, Ärzte beklagen den Mehraufwand, den die Korrektur der vorgeschriebenen Arztbriefe erfordert, die oft voller Fehler stecken, wenn sie ausländische Kollegen geschrieben haben.

Offen darüber reden will allerdings niemand. Zu schnell werde man in die Schublade der Ausländerfeindlichkeit gesteckt, fürchtet zum Beispiel auch die Leserin vom Anfang des Artikels. Mitarbeiter wollen nicht genannt werden, um nicht vor dem Arbeitgeber als Miesmacher dazustehen.

Andere, vor allem ältere Patienten, trauen sich aus Respekt vor dem Berufsstand nicht, ihre Kritik laut auszusprechen. „Aber das ist doch ein Doktor!“

Mit den beschriebenen Problemen indes sind Ärzte, Schwestern, Pfleger und Patienten in Gardelegen oder Salzwedel nicht allein. Bundesweit herrscht in Krankenhäusern akuter Ärztemangel. Die Gründe sind vielschichtig. Zu viele Studenten wandern nach dem Medizinstudium in die Wirtschaft ab. Die lockt mit besseren Verdienstmöglichkeiten, geregelteren Arbeitszeiten und größeren Karrierechancen.

Wer als junger Mediziner dann tatsächlich als Arzt tätig sein will, zieht meist die Großstadt dem ländlichen Raum vor. „Da ist, nicht nur kulturell, einfach mehr los“, vermutet Matthias Hahn. Wer als junger Arzt in so strukturschwachen Regionen wie hier in der Altmark bleibe, mache das vermutlich hauptsächlich, weil ihn familiäre Bindungen halten.

Und so kämpft das Altmark-Klinikum wie unzählige andere Häuser auch an breiter Front um Personal. Denn der Fachärzteschwund betrifft mittlerweile jede Abteilung im Krankenhaus.

„Dabei ist der Standort nicht unattraktiv“, weiß Hahn. „Wir sind technisch hervorragend ausgestattet, beide Häuser haben beispielsweise MRT und CT.“ Der Engpass betreffe tatsächlich nur den ärztlichen Dienst.

Und dem versucht die Klinik natürlich entgegenzuwirken. Seit kurzem auch durch das neue Stipendienprogramm: Medizinstudenten können hier einige hundert Euro Stipendium monatlich erhalten, wenn sie sich verpflichten, ihre Facharztausbildung im Altmark-Klinikum zu absolvieren. Sechs Unterschriften gibt es schon. „Mittelfristig“ ist eine Entschärfung der Situation also schon zu erwarten.

Nur eben kurzfristig nicht. Wenn sich aber auf Stellenausschreibungen, „die schon mal eben rund 5 000 Euro kosten könnten“, beziffert der Krankenhausgeschäftsführer, aber niemand finde, der in der Altmark zum Beispiel als Chirurg, Internist oder Anästhesist arbeiten wolle, andererseits jedoch gesetzliche Vorgaben existierten, die eine bestimmte Zahl an Ärzten auf der Station vorschrieben, dann „stoßen die Kollegen, die permanent lange Dienste schieben müssen, nicht nur körperlich an ihre Grenzen“, macht Matthias Hahn klar.

Kein Arzt könne schließlich 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr Dienst tun, weil Stellenausschreibungen unbeantwortet blieben.

Also seien Krankenhäuser, darunter auch das Altmark-Klinikum, gezwungen, auf die Angebote international tätiger Agenturen zurückzugreifen, die junge Mediziner aus dem Ausland vermitteln. Allein in diesem Jahr gab es für beide Standorte sechs Neueinstellungen, bei denen die Ärzte aus dem Ausland kommen.

Alle in Gardelegen?

„Ich habe das Gefühl, dass in Gardelegen viel mehr ausländische Ärzte arbeiten als in Salzwedel. Die haben wohl Kreisstadtbonus“, mutmaßt zum Beispiel eine weitere Leserin im Gespräch mit der AZ.

Doch auch das verneint Matthias Hahn. Die Aufteilung der fremdsprachigen Mediziner sei in etwa gleich, versichert er. Die Zahlen, die er vorlegt, geben ihm Recht. So arbeiten in Gardelegen 46 Ärzte, von denen zehn ausländischer Herkunft sind. Im Altmark-Klinikum Salzwedel sind es von den insgesamt 54 Medizinern 14, die aus dem Ausland stammen.

Sie kommen aus europäischen Staaten wie der Ukraine, aus Tschechien, Polen, Rumänien, Slowenien oder Serbien, aber auch aus asiatischen Ländern wie Jordanien, Syrien und dem Iran.

Und vor allem letztere drei Länder werfen neben bestehenden Sprachbarrieren auch die Frage nach kulturell oder religiös bedingten Problemen zwischen Arzt und Patient(in) oder den deutschen Kollegen auf.

Gibt es solche möglicherweise im Altmark-Klinikum? „Nein“, versichert der Krankenhauschef auch hier. Alle Mitarbeiter müssten sich den deutschen Gesetzen und üblichen Umgangsformen unterordnen. „In dieser Frage gibt es keine Integrationsprobleme“, da ist sich Hahn sicher. Deshalb sehe man hier im Krankenhaus auch keinerlei Schulungsbedarf.

An anderer Stelle allerdings schon. Die Sprache als Verständigungselement zwischen Ärzten, Patienten und Pflegepersonal ist ganz wichtig, weiß der Verwaltungschef. Dieser Verantwortung wolle sich das Haus auch nicht entziehen. „Wir bieten den ausländischen Ärzten über die Kreisvolkshochschule Deutschkurse an.“ Gerade jetzt, Ende Juni, beginne „für die Ärzte, die in jüngster Zeit bei uns angefangen haben“, wieder eine dieser speziellen Weiterbildungen, in denen zehnmal eineinhalb Stunden Sprachintensivunterricht auf dem Plan stünden.

Der Kurs wird laut Matthias Hahn vom Klinikum organisiert und finanziert. Selbstverständlich werden die Ärzte auch dafür freigestellt. Kurz gesagt: Der Kurs ist Pflicht.

Aber reicht er aus? Lernt man in 15 Stunden ausreichend Deutsch, um ein richtiges Arzt-Patienten-Gespräch zu führen?

Beantworten können diese Frage wohl nur die Patienten der beiden Krankenhäuser in Gardelegen und Salzwedel.

Eines jedenfalls stellt dessen Verwaltungschef klar: Die Alternative für keine ausländischen Ärzte wäre zu wenige Ärzte. Eine Option, die wohl kaum in Frage kommt.

Bleibt also doch nur die Schulung vor Ort – oder irgendwann eine echte Integration der ausländischen Kollegen. Die ist in vielen Fällen auch schon passiert. „Einige der Ärzte, darunter etliche Spezialisten, sind bereits seit vielen Jahren bei uns“, sagt Verwaltungschef Matthias Hahn stolz.

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