Im Gericht: Weiterer Oberarzt erhebt Vorwürfe gegen Wirbelsäulen-Zentrum

Wenn der Arzt nicht ans Handy geht

Der Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums am Gardelegener Altmark-Klinikum war nach von ihm durchgeführten Operationen offenbar nicht immer erreichbar. Das geht aus der Zeugenaussage eines Oberarztes hervor.
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Der Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums am Gardelegener Altmark-Klinikum war nach von ihm durchgeführten Operationen offenbar nicht immer erreichbar. Das geht aus der Zeugenaussage eines Oberarztes hervor.

Gardelegen / Stendal – Er sitzt auf der Anklagebank und verweigert die Aussage. Was als Beschuldigter sein gutes Recht ist. Wortlos verfolgt Igor N., der einstige Assistenzarzt am Wirbelsäulen-Zentrum, das mehrere Jahre lang an das Gardelegener Altmark-Klinikum angeschlossen war, die Verhandlung im Landgericht Stendal.

Der in der heutigen Ukraine Geborene ist dort wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt, weil er am 22. November 2011 ohne fachärztlichen Beistand operiert haben soll.

Am Freitag sagten zwei Oberärzte der Chirurgie als Zeugen aus und schilderten den Arbeitsalltag mit und rund um das von Dr. T. geleitete Wirbelsäulen-Zentrum, das längst wieder Geschichte ist. Nach dem langjährigen Oberarzt W. (siehe Bericht am Sonnabend) schilderte auch Oberarzt Dr. M., seit 1987 am Gardelegener Krankenhaus tätig, seine Erfahrungen mit Dr. T., der als Honorararzt im Wirbelsäulen-Zentrum tätig war, aber nicht zum Stammpersonal des Altmark-Klinikums gehörte und nur tageweise vor Ort war.

Seine Einschätzung: Dr. T. habe „sehr oberflächlich gearbeitet“, gleichwohl viel operiert. Zu viel nach Auffassung der Chirurgen, die sich mehrfach schriftlich an Geschäftsführer Matthias H, den Leitenden Chefarzt Dr. S. und Landrat Michael Ziche als Aufsichtsrats-Vorsitzenden gewandt haben – stets ohne Erfolg.

Dabei gab es offenbar einiges, was im Argen lag. Dr. T. habe die Arbeit im Wirbelsäulen-Zentrum „gehandhabt, wie er wollte“, sagte Oberarzt M. vor Gericht. „Irgendwann hat jemand entschieden,“ so der Zeuge weiter, „Operationen durchzuführen, die Geld einbringen.“ Und Wirbelsäulen-OP bringen viel Geld ein – auch Dr. T., der an jeder Operation finanziell beteiligt war. Darüber hinaus sei der Honorararzt aus Berlin „morgens angereist, auch mal verspätet oder auch gar nicht.“

Wie die Arbeitsauffassung des Honorararztes war, schilderte der Oberarzt an einem konkreten Beispiel: Dr. T. habe tagsüber jemanden an der Wirbelsäule operiert und sei danach entschwunden – um die für Ärzte übliche Nachbetreuung des frisch Operierten mussten sich stattdessen die Chirurgen vor Ort kümmern. Abends habe es dann plötzlich Komplikationen beim Patienten gegeben „zunehmende Lähmungserscheinungen“ traten auf. Für solche Fälle habe Dr. T seine Handynummer hinterlassen. Oberarzt M. der „keine ordnungsgemäßen Dokumente“ vorfand („Ich konnte nicht mal feststellen, ob überhaupt operiert worden ist“), rief die Nummer an – aber Dr. T. nahm nicht ab und rief auch nicht zurück. Also habe er den Patienten nach Magdeburg verlegen müssen, berichtete der Oberarzt.

„Qualität entsprach nicht dem Standard“

Die Qualität der Operationen, so M. weiter, „entsprachen nicht dem üblichen Standard.“ So habe der Honorararzt bei einer Wirbelsäulen-OP „das Ziel verfehlt“ und den Zwölffingerdarm beschädigt. Mal sei eine alte Fraktur – also ein Bruch – operiert worden. Dann soll eine Operation laut Aufzeichnung gerade mal acht Minuten gedauert haben („Das reicht gerade mal, um eine Kanüle zu verlegen“). Das alles sei „aberwitzig“ gewesen, konstatierte der Oberarzt vor der Großen Strafkammer des Landgerichts. Aber: „Das hatte System.“

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