Weltfrieden in Saal 106

80-jährige Friedensaktivistin zu Geldstrafe verurteilt

Gardelegen. „Ich fühle mich nicht ernst genommen.“ Ingrid Fröhlich-Groddeck, 80-jährige Friedensaktivistin und Mitbegründerin der Bürgerinitiative „Offene Heide“, reagierte empört, als Richter Axel Bormann ihr die Einstellung des Verfahrens vorschlug.

Die Frau aus Stendal saß in Saal 106 des Gardelegener Amtsgerichts, weil ihr Hausfriedensbruch vorgeworfen wurde. Am 5. August 2017, frühmorgens um 4. 30 Uhr, gelangte sie mit anderen auf das umzäunte Gelände der militärischen Übungsstadt Schnöggersburg in der Colbitz-Letzlinger Heide. Und wurde dort entdeckt. Ihre Aktion sei, so bekräftigte sie gestern vor Gericht, ein „angemessenes Mittel“, um auf die Kriegstreiberei in Deutschland und weltweit hinzuweisen. Sie habe dieses „Mini-Vergehen“ begangen, „um auf schlimmste Verbrechen aufmerksam zu machen“. Deshalb erwarte sie auch ein Urteil und keinesfalls eine Verfahrenseinstellung.

Das Urteil bekam die Rentnerin kurz danach. Sie muss 400 Euro Geldstrafe zahlen. Der Richter verwies zwar auf „ausreichend Empathie, die die Staatsanwaltschaft und ich für ihre Bewegung“ hätten. Ihre Motive seien „ehrenwert“. Aber: „Man kann nicht das Recht in die eigene Hand nehmen und gleichzeitig anprangern, dass andere dies tun.“ Auf die Argumentation der Angeklagten, sie habe den Notstands-Paragrafen im Grundgesetz angewandt, entgegnete Bormann: „Für einen rechtfertigenden Notstand braucht es erstmal einen Notstand.“ Und den sehe er nicht. Auch, weil Schnöggersburg erst im Bau sei.

Das Urteil nahm die 80-Jährige achselzuckend zur Kenntnis, „es ist mir ziemlich wurscht“. Sie kritisierte die „Scheuklappen“ der Justiz: „Sie machen sich zu Helfershelfern von Mordgesellen.“ Und, wieder mit Blick zum Richter: „Sie müssen mit dem Urteil leben und morgen in den Spiegel schauen können – ich kann das sowieso.“

Von Stefan Schmidt

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Rubriklistenbild: © dpa

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