Aus der Historie des Gardelegener Bibliothekswesens / Teil I / 

Der weite Weg zum Buch

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Blick in den Lesesaal 1948. Am Tresen erfolgten Ausleihe und Rückgabe. (Man beachte die Hutmode!).

Gardelegen. Am 1. März 2018 wird die Stadt-, Kreis- und Gymnasialbibliothek Gardelegen siebzig Jahre alt. Grund genug, in der Geschichte der Einrichtung zu kramen.

Es fängt noch gar nicht an

Das Dokument, das vor mir liegt, muss schon durch viele Hände gegangen sein. Und wahrscheinlich ist es der fünfte oder sechste Durchschlag. Der Text des Protokolls aus der Sitzung des Gardelegener Gemeinderates vom 14. Juni 1935 ist mehr zu erahnen als zu lesen. Worum es mir geht, steht unter Punkt 3: „… Der Einrichtung einer Volks- und Stadtbücherei durch den Handwerkerverein wurde zugestimmt und die Beteiligung mit einer jährlichen Beihilfe von 300,-- RM bewilligt. Vom Bürgermeister wurde demgemäß beschlossen: Die Einrichtung einer Volks- und Stadtbücherei durch den Handwerkerverein und einer jährlichen Beihilfe von 300,-- RM wird zugestimmt. … Der Bürgermeister gez. Bethke.“

Dieses Protokoll könnte als „Geburtsurkunde“ der Gardelegener Bibliothek gelten. Ist es aber nicht. Jedenfalls nicht mit Sicherheit. Denn so löblich die Idee der Handwerker war, die sogar die mehr als 3000 Bände ihrer Vereinsbibliothek als „Startkapital“ zur Verfügung stellen wollten – so recht kam die ganze Aktion wohl nicht in die Gänge. Jedenfalls weiß man bis heute weder, wer die Volks- und Stadtbücherei betreute, ob er fest angestellt oder ehrenamtlich agierte, noch wo die Regale mit den 3000 Büchern überhaupt stationiert waren. Wobei: Das Haus der Kreishandwerkerschaft, Magdeburger Straße 12, liegt als Örtlichkeit natürlich nahe. Zumal im Gardelegener Adressbuch von 1938 unter der entsprechenden Anschrift von einer „Buchstelle der Kreishandwerkerschaft“ die Rede ist. Was immer man darunter auch verstehen mag. Vielleicht ja doch eine Bücherei … Wie auch immer: Nichts Genaues weiß man nicht! Sicher ist nur: Der Zweite Weltkrieg verhinderte eine wirkliche Büchereiarbeit. Also: Das, was 1935 und in den Folgejahren im Zusammenhang mit der Gardelegener Bibliothek geschah, kann nicht als deren Ursprung bezeichnet werden. Jedenfalls nicht wirklich. Nun fängt es endlich an

So präsentierte sich die „Volks-Bibliothek“ Gardelegen, Rathausplatz 14, im Frühjahr 1948. In diesen Räumen war sie noch bis 1993 untergebracht.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg tat man sich in Gardelegen – und nicht nur dort – erst einmal schwer mit der Gründung einer Bücherei. Es war ja nicht damit getan, dass eine mehr oder weniger große Anzahl von Büchern zur Ausleihe bereitsteht. In diesem Fall dürfte „weniger groß“ der Wahrheit näher kommen, denn seit 1946 erschienen in regelmäßigen Abständen sogenannte „Listen der auszusondernden Literatur“. Klar, dass ein Neuanfang nur ohne Nazi-Literatur zu machen war. Aber zur Gründung einer Bücherei braucht es auch eine ganze Menge Geld. Das war damals nicht anders als heute. Und das fehlte damals genauso wie heute. Also wurde die Sache erst einmal auf Eis gelegt. Bis in der Ratssitzung vom 13. Juni 1947 Stadtrat Otto Siegmund (SED) mit der Faust auf den Tisch haute und den unhaltbaren Zustand einer fehlenden öffentlichen Bücherei anprangerte. Bürgermeister Johannes Hampe (SED) gab Rückendeckung: „Ich glaube, dass wir das unserer Bevölkerung schuldig sind!“ Sprach’s, und die Sache wurde – wieder auf Eis gelegt. Gründung am 1. März 1948

Wir wissen heute nicht mehr, wer den für die Bibliotheken zuständigen Oberregierungsrat des Landes nach Gardelegen gelotst hat. Jedenfalls kam der mit dem ausdrücklichen Auftrag, darauf Einfluss zu nehmen, schnellstens auch in Gardelegen eine Stadtbibliothek zu gründen.

Der Oberregierungsrat rannte zwar offene Türen ein, musste aber auch sehr energisch aufgetreten sein, denn es ging nur noch ein knappes dreiviertel Jahr ins Land, bis es soweit war: Am 1. März 1948 wurde die Volks-Bibliothek Gardelegen gegründet. In den Regalen standen 719 Bücher. In zwei Räumen, von denen einer als Lesesaal, der andere als Bibliotheks- und Arbeitsraum genutzt wurde. Freilich konnte der Leser nicht – so wie heute – selbst ans Regal gehen und sich sein Buch aussuchen. Zwar gab es diese Methode schon seit 1910. Allerdings war sie nicht die Regel.

In Gardelegen gab es im Lesesaal einen Tresen. Und dahinter regierte Fräulein Elisabeth Heberling. Sie bediente, schlug vor, gab Hinweise – und wachte peinlich genau darüber, dass nicht das falsche Buch in die falschen Hände gelangte. Elisabeth Heberling war die erste Bibliothekarin in Gardelegen.

Bürgermeister Hampe stand auch weiterhin der Volks-Bibliothek höchst aufgeschlossen gegenüber: „Über die Notwendigkeit der Einrichtung der Volksbücherei dürften … irgendwelche Bedenken kaum noch bestehen!“ Das war kein Lippenbekenntnis! Das Stadtoberhaupt sprach nicht nur von einer radikalen Vergrößerung des Buchbestandes auf 3.000 Bände. Schon im ersten Jahr wurde die stolze Summe von 4.000 Reichsmark zur Verfügung gestellt. 2.000 RM für die Beschaffung neuer Bücher und weitere 2.000 RM zur Verschönerung der Räumlichkeiten. Bald fühlten sich die Leser wie im eigenen Wohnzimmer. Ein Quantensprung

All das trug sich zu im Ladengeschäft Rathausplatz 14. Vorher war hier das Gefängnis der Deutschen Volkspolizei mit immerhin neun Zellen untergebracht … Vom Gefängnis zur Bibliothek – ein Sprung um mehrere Quanten!

Vielleicht war der Ort, wie so vieles in jenen Jahren, nur als Provisorium gedacht. Wenn dem so war, dann hielt dieses Provisorium sehr lange. Denn noch an ihrem 45. Geburtstag residierte die Stadt- und Kreisbibliothek am Rathausplatz 14. Räumlich unverändert.

Bis zum nächsten Quantensprung sollte es noch eine Weile dauern. Davon in der nächsten Folge.

Von Rupert Kaiser

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