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Amtsgericht Gardelegen: Pfefferspray-Attacke auf Radfahrer

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Von: Stefan Schmidt

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Gebäude von außen
Verhandlung vor Amtsgericht Gardelegen. © Stefan Schmidt

Ein Familienvater ist vor dem Gardelegener Amtsgericht knapp an einer Gefängnisstrafe vorbeigeschrammt.

Gardelegen – Es müsse ja in seinem Dorf, gelegen in der westlichen Altmark, „ziemlich gefährlich sein“, wunderte sich Axel Bormann. Der Gardelegener Amtsrichter verhandelte am Freitag einen Fall von gefährlicher Körperverletzung. Angeklagt war ein Familienvater. Der hatte am Abend des 13. Juli 2021 vor dem örtlichen Feuerwehrgerätehaus – der Angeklagte wohnt gleich nebenan – ein Mitglied der Feuerwehr mit Pfefferspray angegriffen. Ohne Vorwarnung, so dass dieser die augenärztliche Diagnose „Verätzung beider Augen“ erhielt und noch tagelang erhebliche Schmerzen hatte.

Bormann verstand nicht, warum ein erwachsener Mann in einem Dorf Pfefferspray, genauer „Tierabwehrspray“, dabei haben müsse. „Leben da wilde Hunde, Katzen, Marder, Füchse – Meerschweinchen?“, fragte er den Angeklagten entgeistert.

Was passierte an jenem lauen Sommerabend in dem Dorf? Der später Geschädigte, ein Mitglied der Feuerwehr, sollte nachgucken, weil nach einer Feuerwehr-Veranstaltung angeblich das Tor zum Gerätehaus offen stand. Also schnappte er sich seinen Drahtesel und radelte los.

Vor Ort angekommen, ging der Angeklagte unvermittelt auf ihn zu, trat gegen das Fahrrad, beleidigte den in zivil vorgefahrenen Feuerwehrmann, nahm die Spraydose aus seiner Hosentasche und sprühte ihm mitten ins Gesicht. T., das Opfer, stürzte, schrie, hielt sich die Augen, die sofort anschwollen, und sah kurz danach nichts mehr.

„Das alles hörte S., ein Anwohner. Er rannte aus seiner Wohnung, wollte dem am Boden Liegenden helfen, „da spürte ich das Pfefferspray sofort bei mir am Körper“ – so intensiv war der „Überfall“, wie der Richter die Attacke nannte. Der Täter, nach Aussage des Opfers „dorfbekannt“ („Er wohnt in einer Bruchbude“), bekam offenbar Gewissensbisse. Denn er holte Wasser zum Abkühlen – es nutzte nichts. Sogar ein kurz danach benutzter Gartenschlauch brachte keine Schmerzlinderung, so dass das Opfer noch spätabends mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht wurde.

Der Angeklagte, mehrfach schon vor allem wegen Körperverletzung vorbestraft, behauptete zuerst, es handele sich um eine Verwechslung, er sei demnach völlig unschuldig. Erst als der Staatsanwalt ihm den Ernst der Lage vor Augen führte („Hier geht es um Ihren Kopf, Sie gehen direkt ins Gefängnis“), fasste sich der Mann auf der Anklagebank ein Herz und kündigte kleinlaut „Butter bei die Fische“ an. Denn: „Ich gebe zu: Ich war´s.“

Also nahm der Prozess eine Wende. „Warum?“, wollte der Richter immer wieder wissen: „Hatte er Ihnen etwas getan?“ Nein, entgegnete der Angeklagte, er habe sich lediglich durch das pure Erscheinen des Radfahrers provoziert gefühlt. Er selbst werde im Dorf schlecht behandelt, versuchte er sich zu erklären. Antwort des Richters: Wenn er sich, wie bei der Pfefferspray-Attacke, dermaßen aufführe, „dann ist es kein Wunder, dass Sie ein Außenseiter sind.“ Und: „Sie sind doch nicht der Dorfsheriff“, auch „wenn Sie sich so aufführen“.

Am Ende verurteilte der Richter den Angeklagten zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr – die Bewährungszeit läuft fünf Jahre. Dazu muss er 5000 Euro an das Pfefferspray-Opfer zahlen.

Er habe noch Glück gehabt, erklärte Bormann. Das Opfer, das direkt nach der Attacke über erhebliche Atemnot geklagt habe, „hätte sich auch einmal ans Herz fassen können, hätte ein letztes Mal tief geschnauft und dann...“ In diesem Augenblick stand der Geschädigte auf und verließ angesichts dieser dramatischen Schilderung sichtlich bewegt den Gerichtssaal.

Positiv für den Verurteilten war am Ende sein – wenn auch sehr spätes – Geständnis und die Tatsache, dass er derzeit eine Arbeitsstelle habe und Familienvater sei. Wenn er jedoch erneut straffällig werde, dann „geht es ab nach Burg“, verdeutlichte ihm Bormann.

In Burg gibt es ein Gefängnis.

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