Podiumsdiskussion im Rahmen des Projekts „Weltoffene Hansestadt Gardelegen“ in der Orangerie auf Gut Zichtau

„Was ist Heimat? – Wo ist Heimat?“

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Das Publikum verfolgte die Ausführungen der geladenen Gäste, die viel aus ihrer eigenen Lebensgeschichte erzählten. Auch Zwischenfragen wurden gestellt.

Zichtau. So richtig greifbar ist der Begriff „Heimat“ nicht. Das wurde auf einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema, die am Mittwoch auf Gut Zichtau stattfand, schnell deutlich.

Dabei hat das Gefühl, das hinter diesem Wort zu stecken scheint, für viele Menschen eine große Bedeutung. Überschrieben war die Diskussionsrunde mit der Frage „Was ist Heimat? – Wo ist Heimat?“.

Ganz unproblematisch ist der Begriff nicht, weiß Moderator Ralf Engelkamp. Wird er doch auch bei Rechts-Gesinnten nur zu gern verwendet. Sie meinen damit einen festen eigenen Bereich, den es vor fremden Einflüssen zu schützen gilt. Genau um dieses Verständnis ging es den Teilnehmern auf Gut Zichtau aber nicht. Im Gegenteil. Schließlich war die Veranstaltung Teil des Projekts „Weltoffene Hansestadt Gardelegen“, bei dem gerade Toleranz und kultureller Austausch im Vordergrund stehen. Gerade dafür berge aber ein eigenes Verständnis von Heimat große Chancen, so Engelkamp.

Vier große Bereiche schnitt Engelkamp im Laufe der Diskussion an: Heimat als individuelles Lebensgefühl, als Organisationsform, als Quelle der eigener Identität und schließlich als Chance für Toleranz, Akzeptanz und Weltoffenheit. Über damit verbundene Fragen tauschte er sich mit geladenen Gästen und Zuschauern aus. Den Beginn markierte die Feststellung, dass es für den Heimatbegriff weder eine einheitliche Definition noch eindeutig zutreffende Übersetzungen ins Englische, Französische oder Italienische gibt.

„Ubi bene, ibi patria“, zitierte der Moderator einen griechischen Dichter der Antike namens Aristophanes, „wo es gut ist, da ist das Vaterland oder eben die Heimat.“ Bei den anschließenden Statements der Diskussionsteilnehmer wurde deutlich, dass dieser Ausspruch nicht ganz passt. „Wo ich mich wohlfühle, müsste es für meine Begriffe heißen“, erklärte etwa Gardelegens Bürgermeister Konrad Fuchs. Er sei in Thüringen geboren und aufgewachsen und mit 18 Jahren „in die Welt“ aufgebrochen. Fünf Jahre später hat ihn die „Liebe in die Altmark gespült“ und nach einem anfänglichen Gewöhnungsprozess an den besonderen Menschenschlag in der Region fühle er sich „seit Jahrzehnten hier sehr wohl“. Für Detlef Gürth, Präsident des Landtags von Sachsen-Anhalt, enthält der Begriff zwei Aspekte: Zum einen die eigene Herkunft, zum anderen, wo man mit seiner Familie lebt. Für den italienischen Journalisten Renzo Brizzi, der auch mehrere Jahre in Frankreich und Deutschland gelebt hat, gibt es mehrere Orte der Heimat. Allerdings habe er sich „lange den Kopf zerbrochen, diesen Begriff in andere Sprachen zu übersetzen.“ Auch für Huong Do Thin Tranh, die ursprünglich aus Vietnam stammt und seit 25 Jahren in Deutschland lebt, ist Heimat nicht auf einen Ort beschränkt. Die Stadt Gardelegen, in der sie seit 13 Jahren lebt, ist ein Teil davon. Erstes Fazit der Runde: Bei Heimat handelt es sich eher um ein Gefühl, bei dem persönliche Erfahrungen eine enorme Rolle spielen.

An Dr. Annette Schneider-Reinhardt, Geschäftsführerin des Landesheimatbunds Sachsen-Anhalt, richtete Ralf Engelkamp die Frage, wann Menschen ein bewusstes Gefühl für den Begriff Heimat entwickeln und wie sich dieser im Laufe des Lebens verändere. Schneider-Reinhardt konnte anhand einer Studie belegen, dass bereits in der Kindheit ein Bewusstsein für die Herkunft entsteht und sich das Heimatgefühl je nach dem weiteren Lebensverlauf erweitert.

Die Runde bot viele Beispiele für Menschen, die ihre ursprüngliche Heimat verlassen und andernorts eine neue – oder vielmehr eine weitere – gefunden haben. Einschließlich des Moderators, der aus Nordrhein-Westfalen stammt und heute in der Altmark zu Hause ist. Ihm zufolge bietet gerade das eine Chance für einen bewussten Umgang mit dem Heimatverständnis, sowohl dem eigenen als auch dem anderer.

Es ermöglicht den „Perspektivenwechsel“: Man bewege sich in der Heimat anderer, verhalte sich entsprechend respektvoll. Gleichzeitig erfahre man, wie es sich anfühlt, die ursprüngliche Heimat zu verlassen, sich in einer neuen zurechtfinden zu müssen. So könne sich das Bewusstsein dafür öffnen, dass Heimat eben kein starres Gebilde ist, sondern ein von vielen geteiltes und doch individuelles Gefühl, das stets offen ist für Bereicherungen durch andere.

Von Karsten Tenbrink

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