Viele Leckerlis für Hündin Dornröschen

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Auch wenn es schwer fällt, Horst Sperlich mobilisiert alle sein Kräfte, um Dornröschen das Leckerli zuzuwerfen. Die Hündin passt auf Geheiß von Frauchen Solveig Holle (r.) ganz genau auf, wohn das Wurststückchen fällt.

lam Gardelegen. „Sie ist eine unheimliche Bereicherung für unsere Senioren. Ich möchte sie nicht mehr missen.“ Ramona Bierstedt, Leiterin der beiden Johanniterhäuser in Gardelegen, ist voll des Lobes über Solveig Holle, Betreuungsassistentin für Demenzkranke mit einer Spezialausbildung für Kynotherapie, die seit dem Frühjahr regelmäßig ins Pfarrer-Franz-Haus an der Ernst-Thälmann-Straße kommt, und zwar nicht allein.

Horst Sperlich kann nicht mehr richtig zugreifen. Seine deformierten Finger lassen selbst kleinste Handgriffe wie zum Beispiel beim Essen schwierig werden. Deshalb lässt er sie meistens ganz, lässt sich auch von den Betreuerinnen kaum überreden, selbst zuzufassen.

Nur am Dienstagvormittag ist das ganz anders. Solveig Holle, die an diesem Tag im Pfarrer-Franz-Haus auf der Station 1 a mit Frauen und Männern arbeitet, die überwiegend demenziell erkrankt sind, muss Horst Sperlich meist nur einmal darum bitten, Dornröschen zu füttern. Da bekommt dieser sogar einen kleinen Reißverschluss auf. Es dauert zwar eine Weile, aber Horst Sperlich lässt nicht locker, bis er die Tasche geöffnet hat, das kleine Wurststückchen für Dornröschen herausholen und der Hündin zuwerfen kann.

Auch das ist wieder eine wahre Leistung. Denn die Arme zum Wurf anheben und dann, im zweiten Schritt, die Wurst auch noch in einen Kreis hinein werfen, fällt nicht nur ihm, sondern auch den anderen der Gruppe – Ingeborg Gruntz, die nach einem Schlaganfall wieder beweglicher werden soll, Friedrich Duhm, Editha Asche, Martha Weber sowie Marianne und Ehrhard Franz Karl Chmura – schwer. Doch jeder Einzelne bemüht sich nach Kräften, um Dorni, wie die Hündin kurz genannt wird, ihre Leckerlis zukommen zu lassen. Sie mobilisieren alle ihnen noch zur Verfügung stehenden Kräfte, was auch ein Ziel der Kynotherapie, die hier angewendet wird, ist.

Solveig Holle hat sich darin in Berlin ausbilden lassen. Denn mit Menschen und Tieren zu arbeiten, ist für sie einfach „eine tolle Sache und macht Spaß“, erklärt die Sachauerin, die in Klötze seit 2002 eine Voltigiergruppe leitet und auch zu Hause mit drei Pferden, insgesamt fünf Hunden, zwei Katzen und zwei Kaninchen fast einen kleinen Haustierzoo ihr eigen nennt. Und so schwer es für sie gewesen sei, als Swedwood, ihr früherer Arbeitgeber, in Gardelegen seine Pforten schloss, so sei das doch ihre Chance gewesen, beruflich einen Neustart zu wagen, der ihren Neigungen und Interessen entspricht. Aus diesem Grund hat sie sich auch für eine durch Tiere unterstützte Therapieform entschieden, die sie nicht nur in Betreuungseinrichtungen, sondern auch für häusliche Pflege anbietet. Denn Kynotherapie – Kynologie ist die wissenschaftliche Lehre von Hunden – beinhaltet spezielle therapeutische Maßnahmen, deren Effizienz auf den gezielten Einsatz eines Therapiehundes beruht. Viele Patienten verbinden innerhalb ihrer Lebensgeschichte Erinnerungen mit Hunden, die somit in der Lage sind, starke Emotionen auszulösen. Dementsprechend stark ist dann auch die durch die Tiertherapie ausgelöste Motivation, wie an den Bemühungen des Fütterns erkennbar ist. Ressourcen, die noch vorhanden sind, werden wieder geweckt und geschult, ergänzt Ramona Bierstedt. Diese Förderung sei äußerst wichtig, um den derzeitigen Stand, den die Patienten haben, lange halten zu können.

Zudem bringen Tiere Abwechslung und Freude in den Alltag der Frauen und Männer im Pfarrer-Franz-Haus. Denn Solveig Holle kommt dienstags nicht nur mit Dornröschen oder Baba, ihren zweiten Therapiehund, in die Einrichtung, sondern auch mit Horst und Helmut. Das sind zwei gescheckte Kaninchen, die sich von den Senioren ausgiebig über das weiche Fell streicheln lassen. Das ist nicht nur gut zur Schulung des Tastsinns, sondern vor allem gut fürs Herz und für die Seele.

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