„Urmel“ und die Konservenfabrik

Ein frisch gebackener Fabrikbesitzer: Klaus Schwarz – hier mit einer Aktioenkopie des Werkes von 1923 – vor seiner neuen Immobilie.

Gardelegen - Von Gesine Biermann. Der virtuelle Hammer fiel am 8. Juli. Ein Bieter unter dem Namen „Urmel1“ bekam genau um 10.16 Uhr den Zuschlag für das Objekt Nummer 73-007. Seither ist „Urmel“, der mit bürgerlichem Namen Klaus Schwarz heißt, Fabrikbesitzer. Denn der gebürtige Rheinland-Pfälzer und Wahl-Leipziger ersteigerte vor gut zwei Wochen die „Erste Altmärker Konservenfabrik“ an der Letzlinger Straße in Gardelegen. Am Donnerstag schloss der Immobilenexperte zum ersten Mal die Türen des Einzeldenkmales auf. Die Altmark-Zeitung war dabei.

„Erbsen und Möhren sehr fein“, Rotkohl oder Sauerkraut im Glas verließen zu DDR-Zeiten in Größenordnungen das Fabrikgelände. Gemüse und Obst, frisch geerntet von altmärkischen Feldern und Bäumen, wurde hier verarbeitet. Frauen mit Gummischürzen und Netzen überm Haar sorgten in den Hallen der „Ersten Altmärker Konservenfabrik“ dafür, dass sich die Feldfrüchte lange frisch hielten. Und zwar ganz ohne Konservierungsstoffe und chemische Zusätze. Heute würde man auf allen Produkte bedenkenlos das Wörtchen „Bio“ aufdrucken können. Aber das mal nur so am Rande. Denn an erntefrische Tomaten oder Kirschen erinnert am Donnerstag nichts mehr, als Klaus Schwarz zum ersten Mal die Hoftür zur unteren Produktionshalle öffnet.

Aber das erwartet der Immobilienexperte natürlich auch nicht. Dennoch ist der Leipziger selbstverständlich gespannt auf „seine Fabrik“. Bislang hat er sie nur von außen gesehen. Allerdings hat das Internetauktionshaus DIIA viele Bilder vom Innenbereich veröffentlicht. Und so weiß Klaus Schwarz schon so ungefähr, was ihn erwartet. Schließlich hat er sich das Objekt auch ganz bewusst ausgesucht. „Ein solider alter Ziegelbau“, sollte es sein. „Die Lage war eigentlich nicht so wichtig“.

Obwohl: „Ein bisschen näher an Leipzig hätte es schon liegen können“, gibt der frisch gebackene Gardelegener Konservenfabrikbesitzer lächelnd zu. In der sächsischen Metropole berät Klaus Schwarz große Banken in Immobilienfragen. Er sorgt zum Beispiel für solvente Mieter in Großobjekten.

Darf man ein Beispiel erfahren? Man darf: „Das einstige städtische Kaufhaus im Leipziger Zentrum“ wird jetzt vom Fraunhofer-Institut genutzt. Schwarz hat Mieter und Eigentümer zusammengebracht. „Eine langfristige, gute Lösung“ für den Besitzer. Und eine solche sucht er nun natürlich auch für sein eigenes neues Schmuckstück in der Altmark.

Dass ihm das Objekt gefällt, ist am Donnerstag offensichtlich. Aber was soll daraus werden? „Nun, eigentlich ist alles möglich“, sagt Klaus Schwarz gut gelaunt. Wohnungen im Loft-Stil könnten in den ehemaligen Produktionhallen genauso entstehen wie Werkstätten für Handwerker oder Büroräume im ehemaligen Verwaltungsgebäude. Sogar Künstler könnten in der Konservenfabrik ein Domizil finden, überlegt Schwarz. „Da gibt es zum Beispiel noch jede Menge alter Kessel und Installationen im Objekt.“ Er kenne da jemanden, der aus solchen Dingen „Ofenskulpturen“ macht. „So etwas gefällt mir.“

Eine andere Idee, die ihm persönlich besonders am Herzen liegt, hat der neue Besitzer ebenfalls schon für die alte Fabrik: „Ich würde hier gerne auch eine museale Strecke integrieren“, verrät er. Zum Beispiel eine, die an die ursprüngliche Bedeutung der Fabrik erinnert. „Ein altes Chemielabor habe ich sogar selbst, das würde hier gut reinpassen.“ Vielleicht könnte man eine solche feste Ausstellung dann „einmal wöchentlich oder auch nach Absprache öffnen“, überlegt der Wahl-Leipziger. Unterstützung dabei hätte er sicherlich auch aus der Familie, schließlich „ist meine Freundin Kunsthistorikerin“, sagt Schwarz. Von dieser Seite her kann also gar nichts schief gehen.

Ob letztendlich allerdings alle Teile des weiträumigen einstigen DDR-Betriebes wieder genutzt werden können, ist noch nicht sicher. Einiges auf dem Gelände müsse wahrscheinlich doch abgerissen werden, schätzt Klaus Schwarz ein. Bevor ganz konkrete Pläne geschmiedet werden könnten, „muss ich also erst einmal klären, welche Restriktionen es seitens der Denkmalschutzbehörde gibt“. Denn das Gebäude ist ein kulturelles Einzeldenkmal. Was genau geht, was nicht möglich ist, darüber wird man hier wohl auch Wörtchen mitreden wollen.

Seit er am Donnerstag die Schlüssel von der bisherigen Eigentümerin, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, übernommen hat, habe er aber schon einen konkreten Auftrag vergeben, erzählt Schwarz. Eine Firma soll das gesamte Objekt zunächst einmal beräumen. Gemeinsam mit dem Auftragnehmer hat er alles Nötige bereits vor Ort besprochen. Glücklicherweise sei das gesamte Grundstück eingefriedet, sagt er erleichtert. So fallen Sicherungsmaßnahmen nicht unter die dringlichsten Aufgaben des neuen Eigentümers. „Ein Dachziegel kann hier erst einmal niemandem auf den Kopf fallen.“ Und der große schiefe Schornstein auf dem Hof ist bereits vor einigen Jahren abgetragen worden.

„Außerdem kann ich sogar sicher sein, dass die Bäume auf dem Gelände alle gesund sind“ verrät „Urmel“ („Den Spitznamen hat mir meine Freundin irgendwann mal gegeben“ – und wenn er so verschmitzt schmunzelt, ahnt man auch warum). Denn das sei tatsächlich hochwissenschaftlich „mittels Computertomografie“ festgestellt worden. So etwas habe er vorher auch noch nie gehört. „Gut, dass ich das nicht bezahlen musste.“

In den nächsten Wochen nun will sich Schwarz auch mit Verantwortlichen der Stadt in Verbindung setzen. „Das habe ich heute noch nicht geschafft.“ Schließlich ist er ja auch erst seit gut zwei Wochen „Fabrikchef“.

Ab sofort allerdings könne ihn jeder, der sich in das Projekt „Erste Altmärkische Konservenfabrik“ in irgendeiner Form einbringen will, unter konservenfabrik.gardelegen@googlemail.com oder unter der Telefonnummer (03 41) 6 50 90 27 kontaktieren. „Ich bin für alle Vorschläge offen“, verspricht er.

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