197 Gräber aus dem Ersten Weltkrieg bei Zienau geöffnet / Neue Ruhestätte der Gebeine auf dem Gardelegener Friedhof

Umbettung von toten Kriegsgefangenen

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Norbert Kozlowski reiht die nummerierten Särge in der ausgehobenen Grube nebeneinander auf.

Zienau. Gestern erhielten sie auf dem Gardelegener Friedhof an der Bismarker Straße ihre wahrhaft letzte Ruhestätte – die Toten, die im Ersten Weltkrieg im Kriegsgefangenlager Zienau zumeist an Flecktyphus starben, auf einem eigens angelegten Friedhof im Außenbereich des Lagergeländes beigesetzt wurden und nun umgebettet werden.

197 Särge: Nach dem Öffnen der alten Gräber im Wald bei Zienau wurden die Gebeine in Pappsärge gebettet, die gestern auf dem Gardelegener Friedhof wieder eingebettet werden.

Vor gut zwei Wochen haben die Arbeiten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die die Umbettung im Auftrag des Landesverwaltungsamtes vornimmt, begonnen. Vor Ort war und ist dafür Joachim Kozlowski, Deutschlands einziger hauptberuflicher Umbetter, mit einigen Mitarbeitern. Am Mittwoch waren das Michael Müller und Norbert Kozlowski. An diesem Tag wurde noch eine Flächensondierung um das siebenreihige Gräberfeld herum vorgenommen. Das heißt, dass hinter dem eigentlichen, ehemaligen Friedhof noch diagonale Suchgräben mit dem Bagger, mit dem Sven Rasch im Auftrag der Stadt die Arbeiten von Anfang an unterstützt, gezogen wurden, um ganz sicher zu sein, dass sich dort kein Grab mehr befindet.

Wie Joachim Kozlowski erklärt, wurden auf der Fläche im Wald bis Mittwoch insgesamt 197 Gräber aus dem Ersten Weltkrieg geöffnet, was in einem Ausbettungsplan festgehalten wurde. Die Gebeine wurden entnommen und in Pappsärge gelegt, in denen sie nun wieder bestattet werden. Hilfreich war dabei eine Belegungsliste, die damals für die Friedhofsreihen angefertigt wurde. Jeder Sarg erhielt eine Nummer, die dort festgehalten wurde und die einem Namen zugeordnet werden kann. Auch die neuen Särge wurden mit Nummern versehen, die in einem Belegungsplan für das neue Gräberfeld auf dem Gardelegener Friedhof festgehalten werden.

Zudem wurden auf dem Gräberfeld bei Zienau auch 27 Tote aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden, die größtenteils mit ihren Stammlagermarken ausgestattet waren. Dadurch ist eine Identifizierung möglich. Sie werden ebenfalls wieder beigesetzt, wie Kozlowski erklärt. Allerdings sollen sie auf dem russischen Ehrenhain ihre letzte Ruhe finden. Ihre Einbettung erfolgt später.

Auslöser dieser Aktion war das Wiederfinden des steinernen Statue eines Soldaten durch zwei Pilzsammler im Jahr 2012, die zu einem Denkmal gehörte, das 1914 auf dem Gardelegener Friedhof aufgestellt wurde. Kriegsgefangene mehrerer Nationen hatten es finanziert. Als nach dem Ausbruch der Flecktyphusepidemie im Kriegsgefangenlager Zienau ein eigener Friedhof inklusive Kapelle errichtet wurde, wurde das Denkmal 1915 dorthin versetzt. In den 1960-er Jahren wurde das Gräberfeld beseitigt. Später verschwanden auch die Kapelle, erst der Kopf und später auch der Torso des Soldaten.

Nach seinem Wiederfinden wurde der Soldat durch die Bundeswehr mit schwerer Technik geborgen und zunächst eingelagert. Mittlerweile wurde er von einem Magdeburger Künstler saniert, was der Kultur- und Denkmalpflegeverein gemeinsam mit der Stadtverwaltung initiiert hatte. Er sollte auf dem Gardelegener Friedhof wieder seinen Platz finden. Doch das verzögerte sich. Die Stadt hatte beim Landesverwaltungsamt Fördergeld für die Sanierung beantragt, das auch zu 100 Prozent zugesagt wurde. Allerdings nur dann, das war die Bedingung, wenn die Toten nach Gardelegen umgebettet werden. Dagegen sträubten sich Verwaltung, Verein und auch der Kreisverband des Volksbundes. Doch mittlerweile haben alle Beteiligten ihre Meinung geändert, so dass die Umbettung nun erfolgen konnte.

Ihre letzte Ruhestätte fanden die Toten von Zienau neben dem schon bestehenden Gräberfeld für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges. Dafür wurden zwei Gruben ausgebaggert, etwa einen Meter tief. Darin wurden die Särge nebeneinander gelegt. Nach dem Wiederverfüllen wird eine Schicht Muttererde aufgebracht und Gras angesät. Wann der sanierte und wieder vollständige Soldat aufgestellt wird, steht noch nicht fest.

Von Elke Weisbach

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