„Die Gewissheit gibt uns nun Ruhe“

Todesmarsch-Opfer Wladyslaw Sliwinski nach fast 74 Jahren identifiziert

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Die Enkelin eines der Todesmarsch-Opfer, Agnieszka Sliwinska, hielt eine sehr persönliche Rede.

Gardelegen – Alles begann mit zwei Briefen. Agnieszka Sliwinska, die Enkelin von Wladyslaw Sliwinski, der im Sommer seinen 100. Geburtstag hätte feiern können, fand diese Dokumente im Familiennachlass.

Briefe, die vom damals jungen Ehemann und Vater an seine Frau – Agnieszkas Oma – geschrieben wurden. Datiert sind sie vom 8. Oktober 1944 sowie vom Ersten Weihnachtstag desselben Jahres.

Briefe, mit denen die Frau aus Polen zur KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen ging. Dort fand man heraus, dass der erste Brief aus Sachsenhausen verschickt wurde. Gut zwei Monate später, als der zweite Brief auf Reisen ging, befand sich Wladyslaw Sliwinski im KZ Neuengamme bei Hamburg. In Sachsenhausen hatte er die Häftlingsnummer 95828, in Neuengamme verpassten ihm die Nazis die Häftlingsnummer 59150.

Zwei neue Namen stehen frisch im Gedenkbuch am Rande des Gräberfeldes, nämlich die von Wladyslaw Sliwinski und Manoch Gorgan.

Das alles erzählte die Enkelin, die in Warschau lebt, dort Germanistik studiert hat und deshalb perfekt Deutsch spricht, am Sonntagnachmittag bei der Gedenkveranstaltung aus Anlass des 74. Jahrestages des Feldscheunen-Massakers (wir berichteten), bei dem 1016 KZ-Häftlinge umgebracht worden waren. Denn der Name von Wladyslaw Sliwinski ist gemeinsam mit dem aus Belgien stammenden Sinti Manoch Gorgan nachträglich ins Gedenkbuch aufgenommen worden, weil erst jetzt, fast ein Dreivierteljahrhundert nach der Gräueltat, die Identität dieser beiden geklärt werden konnte. „Die Gewissheit gibt uns nun Ruhe“, sagte die Enkeltochter mit leiser Stimme.

Eine Gewissheit, die ihre Großmutter nie hatte. Zwar wurde Wladyslaw Sliwinski offiziell für tot erklärt – Todesdatum Dezember 1946, also nach Ende des Krieges. Die Witwe heiratete nochmals. Aber das Schicksal des Verschollenen blieb ungeklärt und beschäftigte die Familie.

Nun ist klar: Wladyslaw Sliwinski starb bei Gardelegen. Und zwar am 11. April 1945, im Alter von 25 Jahren, während des Todesmarsches. Also noch vor dem Massaker. „Er hat das Grauen in der Feldscheune nicht miterleben müssen“, sagte seine Enkeltochter mit stockender Stimme.

Nur etwa ein Drittel der mehr als 1000 in Gardelegen getöteten KZ-Häftlinge sind bis heute namentlich bekannt. Sie stehen im Gedenkbuch, das sich am Rande des Gräberfeldes befindet.

VON STEFAN SCHMIDT

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