Ein Ort zum Gedenken

Tafeln mit 271 Namen von Gefallenen und Vermissten in der Nikolaikirche Gardelegen

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Wally Schulz hatte vor Jahren die Idee, auf Tafeln die Namen von Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges aus Gardelegen zu verewigen.

Gardelegen – Auf drei großen Granitplatten stehen 271 Namen von gefallenen und vermissten Soldaten des Zweiten Weltkrieges aus Gardelegen. Angebracht wurden die Tafeln im Vorraum der Nikolaikirche, die damit für die Angehörigen ein Ort der Trauer geworden ist.

Anette Bernstein, Vorsitzende des Kultur- und Denkmalpflegevereins, erzählt: „Jedes Jahr kommt eine Frau mit einem Blumenstrauß hierher, weil es kein Grab gibt“.

Die Hinterbliebenen wissen oft nicht, wo die letzte Ruhestätte der gefallenen Männer ist. Viele Soldaten sind bis heute als vermisst gemeldet. Angehörigen wurde nun ein Ort des Gedenkens mit dem Projekt geschaffen.

Die Idee zu dem Projekt hatte Wally Schulz, die langjährige Leiterin des Gardelegener Museums war und Gründungsmitglied des Kultur- und Denkmalpflegevereins ist. Sie sagt, dass auch familiäre Gründe sie dazu bewegt haben, die Namen der gefallenen und vermissten Soldaten auf den Granitplatten zu verewigen.

Wally Schulz erzählt, dass ihre Großmutter in einer Woche zwei Söhne im Zweiten Weltkrieg verloren hatte. Der Jüngste war 19 Jahre alt und schwer verletzt in einem Lazarett verstorben. Bei der Beerdigung des 19-jährigen Sohnes im Waldenburger Bergland im damaligen Schlesien war Wally Schulz dabei. In den 1980er Jahren ist die heute 84-Jährige mit ihrer Familie in ihre Heimat gefahren, um ihren Kindern alles zu zeigen. „Die Gräber waren aber nicht mehr da“, worüber Wally Schulz entsetzt war.

Erst nach der politischen Wende wurde der Volksbund der Kriegsgräberfürsorge auch im Osten mit der Aufarbeitung tätig. In der DDR waren Kriegstote, Vermisste und die Gräber der deutschen Soldaten kein Thema. Wally Schulz erinnert sich, dass „die Älteren von uns oft schmerzlich erfahren mussten, dass eine Suche nach Kriegsgräbern von amtlichen Stellen abgewehrt wurde“. Die Angehörigen wünschten sich einen Ort des Gedenkens.

Also entwickelte Wally Schulz die Idee, die Namen auf Tafeln eingravieren zu lassen. Sie erzählt, dass 1998, fünf Jahre nach der Gründung, ein Aufruf in der Presse stand. Angehörige von Gefallenen und Vermissten aus Gardelegen sollten sich melden, damit deren Namen auf die Granitplatten verewigt werden können. Es konnten damals 70 Namen notiert werden. Nach zehn Jahren konnte die erste Tafel in der Nikolaikirche angebracht werden.

Auf den Tafeln stehen nur die Namen. Wally Schulz hat aber einen Ordner, in dem weitere Daten über die Gefallenen und Vermissten aus Gardelegen stehen. Wenn vorhanden, finden sich Informationen zu Geburtsdaten, Sterbedaten, Orte der Begräbnisstätten und Dienstgrade, zudem Fotos und verschiedene Dokumente.

Weitere 201 Namen kamen durch Angehörige und dem Online-Dienst des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge in den Ordner hinzu. Zwei weitere Tafeln konnten angefertigt werden, die neben der ersten Granitplatte befestigt wurden. Wally Schulz freut sich, „das geschafft zu haben. Es war eine Riesenarbeit“, so die 84-Jährige.

Das Projekt, das insgesamt 18 000 Euro gekostet hat, wurde über Spenden von Privatleuten, Unternehmen, Zuschüssen der Stadt und Eigenmitteln des Kultur- und Denkmalpflegevereins finanziert. Steinsetzmeister Jürgen Seidler fertigte alle Tafeln an.

Abgeschlossen ist das Projekt aber trotzdem noch nicht. Es seien immer noch nicht alle Namen der Gefalllenen und Vermissten erfasst, weiß Wally Schulz. Angehörige können sich gerne noch bei Anette Bernstein unter der Telefonnummer (0 39 07) 28 68 melden.

VON INA TSCHAKYROW

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