Spielzeugküche als Rückkehr in den Alltag

Nach dem Wohnungsbrand vom 8. Januar: Viele kleine Gesten der Hilfe für Miester Familie

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Die alte Spielzeugküche der fünfjährigen Sara wurde vor zwei Wochen ein Raub der Flammen. Nun hat sie eine neue Küche als Spende bekommen – und freut sich sichtlich darüber.

Mieste – Es sind Momente, kleine Gesten, die dazu führen, dass eine Frau wie Nicole Rudolf-Gerhardt Sätze sagt wie „irgendwann ist man einfach nur sprachlos über das, was einem an Hilfe angeboten wird.“ Die Stimme der vierfachen Mutter, deren Wohnung am frühen Morgen des 8. Januar an der Heinrich-Heine-Straße in Mieste ausgebrannt ist, versagt kurz.

Dafür erzählt Andy Neubauer, Miestes Ortsbürgermeister, über jene Begebenheit, die sich zwei Tage nach dem Brand, bei der die sechsköpfige Familie ihr Hab und Gut verloren hatte, im Miester Feuerwehr-Gerätehaus abgespielt hat.

Die Familie suchte sich erste Habseligkeiten aus dem Bergen von Kleidung, Spielsachen und anderen gespendeten Gegenständen aus, als plötzlich mehrere Frauen aus Mieste und Umgebung in der Tür standen. Sie boten ihre Hilfe an. „Sie wollten die gespendeten Kleidungsstücke Zuhause waschen und dann wieder herbringen“, erinnert sich Andy Neubauer, der auch Einsatzkraft bei der Miester Feuerwehr ist. Das habe den Helfern sehr geholfen, „sonst würden wir vermutlich immer noch waschen.“ Und noch ein anderer Fakt belegt die Hilfsbereitschaft der Menschen aus der Region: „In den ersten zwei Tagen nach dem Brand habe ich exakt 382 Anrufe auf mein Handy erhalten.“ Sogar aus dem fernen Schwerin habe jemand Geld überweisen wollen, berichtet der Ortsbürgermeister gerührt.

Der Brand, der die Wohnung der Familie vorerst unbewohnbar gemacht hat, brach am frühen Morgen des 8. Januar im Wohnzimmer aus: Es gab einen Kurzschluss im Fernseher. Die Brandmeldeanlage schlug an, „ich bin von einem merkwürdigen und durchdringenden Geräusch aufgewacht“, erinnert sich die Mutter, die daraufhin frühmorgens um kurz nach drei Uhr die Wohnung inspizierte, als ihr beim Öffnen der Wohnzimmertür dicker Rauch entgegenquoll. In der oberen Etage waren die Kinder, „aber ich kam da einfach nicht mehr hoch“, so stark war der Rauch mittlerweile geworden. „Da hörte ich auch schon die anrückende Feuerwehr“, denn eines der älteren Kinder hatte unterdessen die Einsatzkräfte alarmiert.

„Man funktioniert dann erstmal nur“

Miestes Feuerwehr und weitere Wehren aus der Region waren schnell vor Ort. Aber wie ist das, wenn ein Feuerwehrmann eine ihm bekannte Familie – der Vater ist Leiter der Miester Jugendfeuerwehr, zwei der Kinder sind im Nachwuchs dabei – retten muss? Andy Neubauer, Ortsbürgermeister und Feuerwehrmann, wischt sich symbolisch eine Träne aus dem Auge. „Man funktioniert dann erstmal nur“, für Gefühle dürfe während der Rettung kein Platz sein. Konkret darüber nachdenken tue man erst später. Feuerwehrleute und Kinder kannten sich, „das hilft ungemein, wenn man nachts, bei gleißendem Licht, die Kleinen vom Balkon holen muss“, weil die Stimmen für die Kinder vertraut sind. Der Nachwuchs ließ sich folgerichtig bereitwillig die Drehleiter heruntertragen. Und so sagt Mutter Nicole auch mit dem Abstand von zwei Wochen: „Ich bin sehr stolz auf meine Kinder, dass sie so diszipliniert waren.“

Wohnung im Sommer wohl wieder nutzbar

Am Mittwoch steht Sara, die Jüngste, in einem kleinen Raum, den die Miester Friseurin Claudia Schulz für die Familie zur Verfügung gestellt hat, um all die gespendeten Gegenstände unterzubringen – die Wohnung selbst wird wohl erst im Sommer wieder nutzbar sein – und schaut auf eine Spielzeug-Küchenecke. Genau so ein Teil stand in der alten Wohnung und ist ein Raub der Flammen geworden. Irgendjemand hat eine solche Spielküche vorbeigebracht. Anfangs fremdelt die Fünfjährige noch mit der Küche – es ist ja nicht „ihr“ Original-Spielzeug, vom Papa gekauft. Doch nach ein paar Minuten probiert sie die Fächer aus und strahlt. Ein weiteres Stück Normalität kehrt ins Leben der Familie ein. Einen weiteren Lagerraum hat die Firma NTN im Gardelegener Industriegebiet angeboten, dazu eine Geldspende überwiesen – obwohl der Familienvater, der zum Zeitpunkt des Brandes zur Nachtschicht war, dort gar nicht arbeitet.

Möglicherweise lebensrettend war die Tatsache, dass in jener Nacht der Brandmelder anschlug. Dass es in der Wohnung überhaupt einen Brandmelder gab, wofür die Feuerwehren seit Jahren eindringlich werben. „Wäre das Gerät nicht installiert gewesen“, sagt Feuerwehrmann und Ortsbürgermeister Andy Neubauer, „dann...“ Weiter kommt er erstmal nicht. „Dann“, so ergänzt er nach einer kurzen Pause, „wäre die Sache vielleicht ganz anders ausgegangen.“

Der Förderverein der Miester Feuerwehr, so berichtet Andy Neubauer ganz zum Schluss, hat sich nur wenige Tage nach dem Wohnungsbrand eine Wärmebildkamera zugelegt. Um künftig noch besser für solche Einsätze ausgerüstet zu sein. Denn „die Sicht in der Wohnung lag bei gerade mal 20 Zentimetern“, so dicht war der Rauch.

VON STEFAN SCHMIDT

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