„Das Filetstück einfach entfernt“

Riesige Eiche fällt in Kahnstieg auf private Wiese: Wer hat das Recht, die Kettensäge anschmeißen?

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Da fehlen drei Meter: Armin Sandelmann aus Kahnstieg ist empört darüber, dass jemand das beste Stück der umgestürzten Eiche, die nun auf seiner Wiese liegt, herausgetrennt hat. Doch die Stadt, auf dessen Fläche der Baum stand, hat dieser Absäg-Aktion zugestimmt.

Kahnstieg. Vier Männer stehen auf einer Wiese am äußersten Rand des Gardelegener Stadtgebietes. Genauer: in Kahnstieg. Noch genauer: Ein paar hundert Meter entfernt von der einzigen Straße, die durch das 18-Seelen-Dorf führt.

Armin Sandelmann hat sie dort hingebeten – und nicht alle haben den Ort auf Anhieb gefunden, mussten per Telefon dort hingeleitet werden.

Armin Sandelmann hat nachgemessen: Der Stammumfang der mächtigen Eiche beträgt stolze 80 Zentimeter.

Armin Sandelmann, der Besitzer dieser Wiese am Rand einer Eichen-Allee, ist sauer. Denn einer der Bäume fiel bei einem Sturm im Frühjahr nicht nur um. Der entwurzelte Riese mit einem Stammumfang von stolzen 80 Zentimetern, der größte Baum weit und breit, kippte mitten auf Sandelmanns Wiese. Das, so weiß er selbst, ist höhere Gewalt. Was ihn ärgert und weshalb er am 24. September, fast ein halbes Jahr nach dem Vorfall, Anzeige bei der Polizei erstattet hat, ist die Tatsache, dass ein gutes Stück des Baumes fehlt. Herausgesägt und abtransportiert von einem namentlich bekannten Mann aus der Region. „Er hat einfach das Filetstück entfernt“, schimpft Sandelmann. „Das ist Diebstahl.“ Denn die Eiche sei ja auf seinem Grund und Boden gefallen, „und ich könnte das Holz auch gut gebrauchen.“ Das Holz, das jetzt zum Teil eben weg ist.

Er sagt dies zu Gardelegens Bauamts-Mitarbeiter Daniel Langer sowie den beiden für das Gardelegener Stadtgebiet zuständigen Regionalbereichsbeamten der Polizei, Henry Rosner und Lutz Richter. Sie sehen die Sache jedoch komplett anders. „Einen Diebstahl kann nur jemand begehen, der etwas an sich nimmt, was ihm gar nicht gehört“, erläutert Henry Rosner. Und im vorliegenden Fall habe der Eichenstamm-Entferner keinesfalls illegal gehandelt.

Denn die Eiche war Bestandteil einer Allee am Wegesrand. Und stand somit zumindest zum Großteil, wenn nicht sogar komplett auf städtischem Grund und Boden. Nach dem Umsturz des Riesen sei immer noch die Stadt, so erläuterte Daniel Langer, für die Beseitigung zuständig. Und nicht der geschädigte Eigentümer der Wiese, also in diesem Fall Armin Sandelmann.

Als vor einigen Wochen jemand im Gardelegener Bauamt durchklingelte und anbot, den Baum auf eigene Kosten zu zersägen und abzutransportieren, sagte Langer deshalb sofort zu. Denn die Stadt sparte somit eine teure Entsorgung. „Was unser Fehler war“, so der Bauamts-Mitarbeiter zu Sandelmann: „Wir hätten Sie vorher informieren sollen, dass jemand den Baum“ – oder in diesem Fall einen Teil davon – „abholt.“ Und da die Eiche nun mal auf eine Privatfläche gefallen sei, klappe eine Beseitigung nicht ohne das Betreten der Wiese, die weder als Privatfläche gekennzeichnet noch eingezäunt ist. „Wenn überhaupt“, so nochmals Henry Rosner, „könnte man über das Thema Hausfriedensbruch nachdenken.“ Wenn überhaupt...

Und so endet der Termin an frischer Luft am äußersten Rand des Gardelegener Stadtgebietes, wie er begann – mit unterschiedlichen Ansichten. Über einen Baum, der auf städtischem Grund stand. Dann umfiel. Und seitdem auf einer privaten Wiese ein drei Meter langes Loch aufweist. Weil jemand die Kettensäge angesetzt hat. Mit ausdrücklicher Erlaubnis der Stadt. Weil die Kommune auch dann noch zuständig ist, wenn der Baum sich gar nicht mehr auf ihrer Fläche befindet.

Von Stefan Schmidt

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