Verfahren gegen Mann aus Gardelegen am Amtsgericht eingestellt

Richter: „Lassen Sie die Finger von den Drogen“

Eingang Gerichtsgebäude
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Prozess gegen 39-Jährigen in Gardelegen
  • Stefan Schmidt
    VonStefan Schmidt
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Ein 39-jähriger Mann saß wegen einer Trunkenheitsfahrt und Beamtenbeleidigung vor dem Gardelegener Amtsgericht

Gardelegen – Man kannte sich. Als Richter Axel Bormann vor Prozessbeginn den Zeugen, der in den Zuschauerreihen des Gerichtssaals Platz genommen hatte, erblickte, fragt er unumwunden: „Na – nüchtern?“ Der junge Mann reagierte, indem er dem Mann in der Robe fröhlich zuwinkte. Der Zeuge mit der Winkehand freute sich sogar auf seine bevorstehende Aussage: „Das wird geil.“

Angeklagt war ein 39-jähriger Mann aus Gardelegen. Und zwar wegen zweier Delikte. Das erste Mal war er am 18. März 2020 abends gegen 18 Uhr mit dem Fahrrad auf dem Gardelegener Rathausplatz unterwegs, als die Polizei ihn stoppte. Ergebnis: 2,29 Promille. Der zweite Tatvorwurf: Am 18. Juni des vergangenen Jahres schmiss er in der Gardelegener Altstadt drei Fensterscheiben einer Wohnung ein. Zuvor hatte er mit einigen Kumpels – die nun als Zeugen vorgeladen waren – offenbar ordentlich gebechert. Anlass war das Ausräumen der Wohnung seiner kurz zuvor verstorbenen Mutter. Als die Polizei nach dem Einschlagen der Scheiben vor Ort eintraf, beschimpfte er sie mit „Scheiß Bullen“ und „Haltet Euer Maul“, kurz danach drohte er den drei Ordnungshütern: „Lasst mich in Ruhe, sonst hau ich Euch um.“

Einspruch gegen Strafbefehl

M., der Angeklagte, hatte Einspruch gegen die ihm per Strafbefehl auferlegte Geldstrafe eingelegt. Deshalb kam es am Dienstag zur Verhandlung vor dem Gardelegener Amtsgericht.

Mittlerweile hat sich die Situation des Angeklagten geändert. Und zwar dramatisch. Im vergangenen Jahr – wann genau, weiß M. nicht mehr –erlitt er einen Schlaganfall. Zeitweise habe er im Rollstuhl gesessen, das Sprechen fällt ihm bis heute schwer. Als Berufsbezeichnung gab der 39-jährige „Rentner“ an.

„Alles kaputt“

Auf was der Schlaganfall denn zurückzuführen sei, wollte der Richter wissen. M. tippte sich auf seinen Brustkorb: „Alles kaputt.“ Denn der zweifache Vater war jahrelang nicht nur schwerer Alkoholiker, sondern nahm auch Drogen. Schweres Zeug wie Crystal Meth. Seit dem Schlaganfall und den daraus entstandenen Folgen aber nicht mehr, wie er beteuerte. Und: Er sei regelmäßig zur Behandlung in Uchtspringe, nehme regelmäßig Medikamente. „Welche denn?“, wollte Richter Axel Bormann wissen. „Die hier“, antwortete der Angeklagte und kramte eine Packung hervor. „Wozu ist das gut?“, fragte der Richter. „Zum Runterfahren“, so der Angeklagte. Er sei nun nicht mehr so aufbrausend und deutlich ruhiger, beschrieb er die Folgen.

Auch der Verteidiger versuchte, seinen Mandanten als nicht mehr so negativ zu beschreiben. „Eine gewisse Stabilisierung ist eingetreten“, erklärte er die Verfassung, die der Richter als „sehr, sehr traurig“ darstellte.

Aber was macht das Gericht mit solch einem Angeklagten? Bormann baute dem 39-Jährigen eine Brücke. Und über die ging er nach kurzer Beratung mit seinem Verteidiger auch. M. zog seinen Einspruch gegen den Strafbefehl zurück.

Damit wurden auch die auf dem Flur vor dem Gerichtssaal wartenden Zeugen, die „geil“ auf den Prozess waren, nicht mehr benötigt und durften nach Hause gehen.

Das Verfahren wegen der Fahrradfahrt im Suff auf dem Rathausplatz wurde eingestellt. Und wegen der eingeworfenen Fensterscheiben muss M. eine geringe Geldstrafe zahlen. Höchstwahrscheinlich in Raten. Denn zu holen ist bei M., dem 39-jährigen Rentner, nicht viel.

Eindringlicher Appell

Bevor M. den Gerichtssaal verlassen durfte, gab ihm Richter Bormann noch eindringlich mit auf den Weg: „Ich will Sie nicht mehr sehen – gerne mal beim Einkaufen, aber nicht mehr hier im Gerichtssaal.“ Wie das geht? „Lassen Sie die Finger von den Scheiß-Drogen“, redete ihm der Richter nochmals ins Gewissen. „Und auch vom Alk.“

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