Restriktive Bibliothekssatzung könnte bald der Vergangenheit angehören / Auftrag an Leiterin

Auftrag: Säumnisgebühr entschärfen

+
Für die Bibliothek in Gardelegen gilt seit mehr als einem Jahrzehnt eine sehr strenge Gebührensatzung für jene Nutzer, die die Ausleihfrist auch nur einen Tag überschreiten. Das könnte sich aber bald ändern.

Gardelegen. Christiane Bräu, Gardelegens Bibliotheksleiterin, hatte gerade ihre Jahresstatistik vorgetragen. Die Mitglieder des städtischen Kulturausschusses hörten aufmerksam zu, lobten die Entwicklung in der Einrichtung. Ob es denn etwas gebe, was sie sich noch wünsche.

Kurze Pause. Dann sprach die Bibliotheksleiterin ein Thema an, das vor mehr als einem Jahrzehnt vom seinerzeitigen Gardelegener Stadtrat – also weit vor der Gebietsreform – beschlossen wurde: Die Gebührensatzung der Bibliothek.

Die ist seitdem landesweit nahezu einmalig. Denn wer sein Buch oder seine DVD auch nur einen Tag zu spät zurückgibt, der bekommt nicht etwa eine Mahnung. Der muss sofort zahlen. Diese restriktive Regelung gilt altersunabhängig. Also auch für Kinder und Jugendliche. Beispiel: Ein zu spät zurückgegebenes Buch kostet 50 Cent pro Werktag – vom ersten Werktag an. Bei so genannten Non-Book-Medien – also DVDs, CDs, CD-Rom – ist es ein Euro pro Werktag

Mit teils verheerenden Auswirkungen, wie Christiane Bräu während der Kulturausschuss-Sitzung – sie fand in der Bibliothek statt – erläuterte. Es gebe Kinder, die nicht mehr in die Bibliothek kämen, weil sie mal versehentlich ein Buch zu spät zurückgegeben haben – und gleich zahlen mussten oder eine Rechnung ins Haus flatterte. Es gebe sogar Fälle, bei denen jugendliche Nutzer vergessen hätten, Ausgeliehenes zurückzugeben, in den Sommerurlaub fuhren – und danach 80 Euro nachzahlen mussten. „Eine solche Summe kann sich nicht jede Familie leisten“, bekräftigte Christiane Bräu. Wenn man denn das Ziel habe, so ihr Argument, auch Kinder von finanziell nicht so gut gestellten Eltern zum Lesen zu bewegen, dann sie diese Gebührensatzung eher hinderlich.

„Wer Fristen versäumt“, stellte Christiane Bräu klar, „der soll auch bezahlen.“ Aber dass auch Kinder und Jugendliche sofort zur Kasse gebeten werden, sei aus ihrer Sicht nicht in Ordnung. „Das können sie teilweise nicht mehr übers eigene Taschengeld regeln.“ Und diese Tatsache sei „sehr, sehr traurig“. Deshalb ihre Bitte: „Wenn das geändert werden könnte, wäre ich sehr dafür.“

Horst Hartmann, berufener Bürger im Ausschuss, zeigte sich verwundert: „Diese Satzung kann man ja ändern.“ Die Gebühren seien „nicht angemessen“, das sei „Wahnsinn.“

Dabei war Horst Hartmann vor rund elf Jahren einer der Wortführer für eine härtere Gangart gegen säumige Bibliotheksnutzer. Nun denkt er offenbar anders: „Berechtigt“ sei das Begehren der Bibliothek.

Auf Vorschlag von Bürgermeister Konrad Fuchs soll die Bibliotheksleiterin nun einen neuen Satzungsentwurf vorlegen. Dieser Idee stimmte der Kulturausschuss einmütig zu.

Von Stefan Schmidt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare