IM GERICHT Radiologie-Chef sagt aus

Prozess um Wirbelsäulen-Zentrum: „Lukrative Dinge wurden forciert“

Das damalige Wirbelsäulen-Zentrum im Gardelegener Altmark-Klinikum steht derzeit im Mittelpunkt eines Prozesses vor dem Landgericht Stendal. Gestern sagte der langjährige Chefarzt der Radiologie aus.
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Das damalige Wirbelsäulen-Zentrum im Gardelegener Altmark-Klinikum steht derzeit im Mittelpunkt eines Prozesses vor dem Landgericht Stendal. Gestern sagte der langjährige Chefarzt der Radiologie aus.

Gardelegen / Stendal – Dr. B. , der Chefarzt der Radiologie, befand sich schon anderthalb Stunden im Zeugenstand. Als er am mittlerweile vierten Verhandlungstag gegen den einstigen Assistenzarzt Dr. N., der wegen fahrlässiger Körperverletzung am Landgericht Stendal angeklagt ist, zu folgender Einschätzung kam.

„Das eigentliche Problem waren der Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums und der Geschäftsführer.“

Und weniger der nun angeklagte N. , dem vorgeworfen wird, am 22. November 2011 eine Wirbelsäulen-Operation an Thomas B. vorgenommen zu haben, ohne dass ein Facharzt zugegen war. Dr. T. , der damalige Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums am Gardelegener Altmark-Klinikum, hat vor Prozessbeginn eine Geldstrafe von 45 000 Euro gezahlt und wird nicht mehr angeklagt. Und H. , der damalige Geschäftsführer, war am ersten Verhandlungstag als Zeuge geladen und sitzt nicht auf der Anklagebank. Dass das eigentlich ungerecht ist, so deutete B. an, „das dürfte Ihnen bewusst sein. “ Antwort des Verteidigers von N. : „Das ist mir sehr wohl bewusst. “.

Der Chefarzt der Radiologie ist seit einem Vierteljahrhundert am Gardelegener Altmark-Klinikum tätig. Jeden Morgen gibt es eine Ärzterunde, bei der die Röntgenbilder gezeigt und ausgewertet werden. Dort wird unter anderem beraten, ob und in welcher Form operiert werden soll. Der Angeklagte Assistenzarzt N. sei „sehr oft dabei“ gewesen. Der Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums, der seinen Wohnsitz in Berlin hatte, „war nie da. Das kann ich eindeutig sagen“, erklärte der Radiologie-Chefarzt.

Gerade mal zehn Wochen nachdem Dr. T. angefangen hatte, setzte der Radiologe einen Brief auf. Und las ihn in der Chefärzte-Runde vor. Tenor, wie B. gestern zusammenfasste: „Ich habe mitbekommen, wie sich die Kultur am Krankenhaus geändert hat.“ Soll heißen: „Von einem patientenorientierten, heilenden Ansatz“ sei man „zu einem Vergütungsansatz gewechselt“. Konkret: Es seien „lukrative Dinge forciert“ worden, „damit das Krankenhaus Schwarze Zahlen schreibt.“ Folge: Man habe „zu zwei Drittel über Geld gesprochen“, kaum noch über das Patientenwohl.

„Jetzt wird das operiert, was ich sage“

Dr. T., der Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums, habe direkt nach seiner Installation zum 1. Juli 2011 gegenüber den anderen Ärzten gesagt: „Jetzt wird das operiert, was ich sage.“ Und es wurde oft operiert. Zu oft nach Ansicht des Chef-Radiologen. In einigen Fällen habe er selbst, so Dr. B., Operationen verhindern können. Weil er sich gewundert habe: „Das geht nicht, dass der Patient jetzt operiert werden soll.“ Daraufhin sei Geschäftsführer H. beim Radiologen vorstellig geworden. „Mir“, so der heute 60-jährige Radiologe, „wurde mit fristloser Kündigung gedroht.“ Und zwar, so betonte er, vom Geschäftsführer selbst, „sollte ich nochmal eine Wirbelsäulen-OP verhindern.“

Die Rolle des – mittlerweile verstorbenen – damaligen Chirurgie-Chefarztes Dr. F. blieb gestern nebulös. Einerseits gehörte das Wirbelsäulen-Zentrum offiziell zur Chirurgie. Es habe aber „autark“ gehandelt, wie B. sich erinnerte. Mit dem Chirurgie-Chefarzt arbeitete er seit vielen Jahren zusammen. F. sei „ein sehr enger Kollege“ gewesen – dem er nach der Installierung des Wirbelsäulen-Zentrums öfter mal ins Gewissen geredet habe, die Machenschaften zu stoppen. Aber es sei „sehr viel Druck ausgeübt“ worden, berichtete B. Unter anderem mit Geld: Der Chirurgie-Chefarzt sei „mit viel Geld motiviert“ worden, „das alles laufen zu lassen.“

„Warum ist das jetzt passiert?“

Als sich andeutete, dass es am Standort Gardelegen Wirbelsäulen-Operationen geben solle, habe es unter den Ärzten vor Ort „Diskussionen gegeben, ob wir so etwas überhaupt machen sollten“, so B. Und später auch Meinungsverschiedenheiten mit dem Wirbelsäulen-Zentrum. „Dass sich das verschärft hat, ist keine Frage“, so der Zeuge gestern. Man habe sich nach Operationen mitunter gefragt: „Warum ist das jetzt passiert?“ Und man habe sich „Gedanken gemacht“ und „gewundert“, warum ein angeblich renommierter Arzt aus der Großstadt Berlin ausgerechnet nach Gardelegen kommt und dort operiert.

Am Ende sah sich der Chef-Radiologe bestätigt. Das Wirbelsäulen-Zentrum gibt es längst nicht mehr. Dessen Leiter Dr. T. ist ebenfalls entschwunden. Und der damalige Geschäftsführer ist in selber Funktion an einem anderen Krankenhaus-Standort außerhalb Sachsen-Anhalts tätig. Der damalige Skandal „hätte fast zu unserem wirtschaftlichen Ruin geführt“, konstatierte B., der immer noch Chefarzt der Radiologie ist.

Zum Schluss verabschiedete sich B. mit kurzen Worten vom Angeklagten. Ein Angeklagter, der nicht nur nach Auffassung von B. zu Unrecht alleine vor den Schranken des Gerichts sitzt.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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