Erstes Jungbauerntreffen zur landwirtschaftlichen Zukunft mit Ministerin Claudia Dalbert in Wiepke

„Perspektive liegt in der Heimat“

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Claudia Dalbert im Gespräch Christian Bärecke und Katharina Palm von der Landgesellschaft Sachsen-Anhalt.

Wiepke. Es ist schwieriger geworden, bei der EU Förderungen für bestimmte Maßnahmen in der Landwirtschaft zu beantragen. Werden sie dann genehmigt und die Umsetzung kontrolliert, wird das zur Farce, wie ein Beispiel von Christian Mahlow von der LEG Berge zeigt.

Es wurde eng, denn das Interesse war groß: Ministerin Claudia Dalbert (im Präsidium links) nahm sich viel Zeit, um mit Jungbauern in Wiepke über Probleme zu sprechen.

Es ging darum, Grünland nachzumessen. Und dafür kamen zwei Mitarbeiter vom Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten (ALFF), zwei Mitarbeiter vom Landesverwaltungsamt sowie zwei Mitarbeiter von der EU mit jeweils einem Fahrer. Das hatte laut dem Landwirt etwas von der „Muppets Show“ und hat mindestens 3000 Euro gekostet. Und das Ergebnis war – es war alles in Ordnung. Christian Mahlow erzählte diese Begebenheit am Sonnabend der sachsen-anhaltinischen Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie, Prof. Claudia Dalbert, und zwar auf dem Betriebshof der Becker GmbH, der derzeit zum Biohof umgestellt wird. Die Ministerin ist in diesem Prozess Umstellungspatin, was sie, wie sie sagt, „ganz spannend“ findet. Die Herausforderungen der Umstellung, wie zum Beispiel die Erweiterung der Ställe um Freigelände, die Nachrüstung der Kälberboxen, die nach den neuen Richtlinien zum Teil unbedacht sein müssen oder die Umstellung auf biologisches Futter für die Melkroboter ab Januar hautnah mitzuerleben, sei für sie hilfreich und lehrreich. Das zu begleiten, „erdet mich als Ministerin ganz gut“. Und als Umstellungspatin war sie nach der Anfrage von Linda Becker auch sofort bereit, sich beim zweiten Treffen vor Ort – das erste fand Ende Juli statt – den Fragen des landwirtschaftlichen Nachwuchses zu stellen – auch wenn Gegenwind zu erwarten war, den es auch gab.

Es war das erste politische Jungbauerntreffen im Land. Denn „es ist wichtig für unsere Generation, die nachrückt, zu wissen, was kann ich machen und wie“, erläuterte Linda Becker die Intention des Treffens, die bereits als nächste Generation im Betrieb, der von ihren Eltern Kerstin und Michael Becker geleitet wird, mitarbeitet und optional übernehmen will. Denn ihre „Perspektive liegt in der Heimat“, machte sie deutlich. Deshalb sei es auch für sie wichtig, den Betrieb jetzt für die Zukunft aufzustellen und in dem Zusammenhang zu sehen, wohin die Politik will.

Daran waren auch zahlreiche andere Nachwuchslandwirte interessiert, die zum Treffen, der als Erfahrungsaustausch angelegt war, aus der gesamten Altmark, aber beispielsweise auch aus dem Bördekreis und Köthen angereist waren und die verschiedensten Themen ansprachen. So zum Beispiel die Kontrollen bei EU-Förderungen, die Claudia Dalbert, wie sie sagte, als Problem bekannt sind. Eine ad hoc-Lösung habe sie diesbezüglich nicht. In Sachsen gebe es allerdings eine Initiative, die Beantragungen und Kontrollen zu entschlacken. Mit denen sei man in Kontakt, um zu gucken, was vereinfacht werden könne. Denn auch für ihr Ministerium, das ebenfalls, wie sie sagte, von der EU kontrolliert wird, sei es schwierig, das zu händeln. Denn für die Kontrollen werden immer mehr Mitarbeiter gebraucht.

Ein weiteres Thema war auch der Öko-Aktionsplan 2020, mit dem der ökologische Landbau in Sachsen-Anhalt ausgebaut werden soll und dessen Ziele nicht ganz die Interessen der Landwirtschaft widerspiegeln. Denn auch der Markt muss sich diesbezüglich weiterentwickeln. Dazu erläuterte die Landwirtschaftsministerin, dass im Januar 2017 eine Leitbilddebatte darüber starten wird, wie die Landwirtschaft bis 2030 aussehen soll. Dazu sollen viele Partner aus der Landwirtschaft, der verarbeitenden Industrie und dem Umweltschutz mit ins Boot geholt werden, denn „ich will Politik mit Menschen machen“. In dieser Debatte gehe es unter anderem um den Boden, der in Bauernhand belassen werden soll, sowie um das Thema „regional biolecker“ und die Frage, wo diesbezüglich Schwerpunkte gesetzt werden sollen. Bio soll laut Dalbert gestärkt werden, aber nicht nur. Es gehe auch darum, regionale Produkte zu fördern, wie zum Beispiel „Altmarkmilch“. Und die Landwirtschaft müsse sich in dem Zusammenhang fragen, wohin sie will – Produktion für den Weltmarkt oder für die Region, Spezialisierung oder breites Spektrum. Hinterfragt werde müsse zudem, ob die derzeit zu beobachtende Marktverdichtung mit immer größeren Betrieben der richtige Weg sei.

Die Politik ist bezüglich der Infrastruktur gefordert, listete Dalbert auf. Denn für Biomilch gibt es in Sachsen-Anhalt beispielsweise keine Bio-Molkerei. Auch gibt es keine kleinen Schlachtereien oder Saftereien mehr, was als Problem erkannt wurde, ohne spontane Lösungen bieten zu können. „Das ist eine Hausaufgabe für uns“, so die Ministerin, für die vor allem Transparenz und Verlässlichkeit sowie der gegenseitige Austausch wichtig sind – so wie am Sonnabend in Wiepke.

Von Elke Weisbach

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