In Trüstedt gibt es eine Kirche, aber kaum noch Kirchgänger / Nur noch einmal im Jahr Gottesdienst

Was passiert, wenn nichts passiert?

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Ohne Turm steht die Kirche schon seit dem 19. Jahrhundert im Dorf. Aus den Köpfen vieler Einwohner scheint sie allerdings schon ganz verschwunden zu sein. Einmal im Jahr findet ein Gottesdienst statt.

Trüstedt. Es riecht ein wenig modrig, wenn man den Vorraum, die sogenannte Winterkirche des Gotteshauses in Trüstedt, betritt. Der Schwamm ist im Holz. Die Kirche hat keinen Turm, es ist schwer, sie zu finden, wenn man nicht aus dem Dorf kommt.

Aber anscheinend auch dann, wenn man in Trüstedt lebt und dort aufgewachsen ist, dort Konfirmation feierte, vielleicht Hochzeit, Taufe oder sich auf dem kleinen Friedhof von seinen Liebsten verabschiedete. Denn kaum noch jemand lässt sich in der Kirche blicken. Manche jammern: „Es gibt ja keine Kirche mehr in Trüstedt“, erzählt Pfarrer Jürgen Brilling und schmunzelt, es ist quasi ein etwas sarkastischer Galgenhumor: „Ich sage ihnen dann immer: ‘Stimmt, es gibt keine Kirche mehr, weil ja keiner kommt’. “ Sie scheint in den Köpfen der Einwohner nicht mehr zu existieren.

Gewischt wurde vor Kurzem in der Kirche, die Bänke abgeputzt, alles auf Vordermann gebracht. Aus dem ganzen Kirchspiel, welches Trüstedt, Hottendorf, Jävenitz und Kloster Neuendorf vereint, waren fleißige Helfer gekommen, um das Gebäude schick zu machen. Denn am nächsten Tag findet dort ein Gottesdienst für den ganzen Pfarrbereich statt. Der erste in diesem Jahr in Trüstedt. Und der einzige. „Wir sind froh, wenn morgen genauso viele Leute kommen, wie zum Arbeitseinsatz. Wenn es mehr sind, sind wir gut“, so Brilling, der zu der Frau neben sich schaut. Sie nickt zustimmend, „eigentlich finden wir das traurig“.

Veronika Helmecke ist die einzige Kirchenälteste in Trüstedt. Einen Kirchenrat mit mehreren Mitgliedern gibt es nicht.

Veronika Helmecke ist die Trüstedter Kirchenälteste und steht in ihrem Dorf allein auf weiter Flur. Seit drei Jahren findet im Gotteshaus so gut wie nichts mehr statt. „Geheiratet hat hier ewig und drei Tage keiner mehr“, so Helmecke. Die treuen Kirchgänger Trüstedts sind oft schon verstorben oder weggezogen und so viele Einwohner gibt es ja ohnehin nicht. Also gibt es auch keinen Kirchenrat mit mehreren Mitgliedern, die sich um Veranstaltungen bemühen. Im Herbst des nächsten Jahres finden die Gemeindekirchenratswahlen der Landeskirche statt. Auch für Trüstedt wird gewählt – wenn es denn jemanden zu wählen gibt. „Die Gemeinden verkennen, dass, wenn sich keiner findet, das so ist wie in den Kommunen bei Kommunalwahlen. Dann wird man nur noch mitverwaltet“, so Brilling. Aber bisher zeige nicht einer „den Ehrgeiz“, so Brilling: „Junge Leute lassen sich konfirmieren und dann ist für die meisten Schluss. Sie suchen keine weitere Verbindung zu ihrer Kirche“. Doch was passiert eigentlich mit ihr, wenn nichts mehr passiert? Erst einmal werde nichts mehr in sie investiert, vom Kirchenkreis und der Landeskirche aus. Zum Beispiel zur Behebung des Schwamms in der Winterkirche oder den Erhalt der Glocke, die draußen an Holzpfählen hängt. Wieso sollte ein Bauausschuss Geld investieren, in eine Kirche, für die sich fast keiner interessiert. „Irgendwann kommt dann jemand auf die Idee, sie zu verkaufen“, erklärt Brilling.

Doch so weit soll es möglichst nicht kommen. Der Pfarrer überlegt schon, wie man die Kirche mehr nutzen könnte. Für intime Lesungen und kleine Konzerte, nach dem Vorbild der Ipser Kirche. Doch dort kümmert sich der Verein Ipse excitare mit großem Erfolg, „wenn jede Gemeinde nur so stark wäre“, sagt Brilling. Vielleicht, so hoffen er und Veronika Helmecke, finden sich doch noch Trüstedter, die darum kämpfen, dass ihre Kirche im Dorf bleibt. Bevor es zu spät ist.

Von Hanna Koerdt

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