Gespräch zur Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen mit der KV, Hausärzten und Versorgungsassistentinnen

„Nicht viel erzählen, sondern dranbleiben“

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Hatten auf einer Seite Platz genommen (v.r.): Doreen Radtke, Ministerpräsident Reiner Haseloff, Dr. Anja Mersiowski, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Berit Lesniak, Rainer Schulz und Knut Wachsmann von der Staatskanzlei.

Letzlingen. Das Letzlinger Jagdschloss war am Dienstag gesichert wie Fort Knox, wenn auch mit unzähligen Scheinwerfern wahrscheinlich heller angestrahlt.

Unzählige Polizisten und Personenschützer sorgten für die Sicherheit beim Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, seiner Frau Elke Büdenbender sowie Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff und seiner Frau Gabriele. Und ihnen sehr nahe zu kommen, das war schon ein Erlebnis für die 120 Ehrenamtlichen, die als Dank und Anerkennung ihres Engagements zum Ehrenamtsempfang eingeladen waren, und Kommunalpolitiker aus den beiden Altmarkkreisen, dem Jerichower Land und dem Bördekreis.

Frank-Walter Steinmeier begrüßt Rainer Schulz, der als Patient zum Gesundheitsgespräch eingeladen war, und Elke Büdenbender Berit Lesniak, daneben steht Dr. Anja Mersiowski.

Unter den Gästen war auch Rainer Schulz. Er durfte vor dem Empfang als Patient der Filialpraxis Klötze II am Gespräch zur Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen, die Steinmeier auch als wichtigen Aspekt für die Demokratie auf dem Lande sieht, teilnehmen – und war angesichts der Runde mit den Politikern und ihrer Frauen, den Ärzten und Verantwortlichen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) sichtlich aufgeregt. „Ich weiß gar nicht, was ich hier soll.“ Die Aufregung legte sich aber ein wenig, als Steinmeier und seine Frau um den Tisch herumgingen und jedem Anwesenden die Hand gaben, um ihn persönlich zu begrüßen. Haseloff verkniff sich das angesichts der grassierenden Influenza. „Irgendein Arzt hat mir gesagt, dass es derzeit besser ist, das nicht zu tun“, erklärte er und erntete dafür verständnisvolles Lachen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Letzlingen

Schön, dass er noch einen „Hausarzt“ hat. Denn die werden nicht nur, sondern sind in manchen Gebieten schon Mangelware (siehe Seite 1). Und das merken vor allem Menschen wie Rainer Schulz. Denn es geht ja in erster Linie um ihn, um die Menschen auf dem Land, die medizinisch versorgt werden wollen. Und er redete dann auch Klartext. Patienten bräuchten Ärzte, bei denen sie sich wohlfühlen, machte er deutlich: „Das findet man kaum noch.“ Denn man spreche mit ihnen auch mal über sehr persönliche Sachen. Leider sei sein erster Hausarzt früh verstorben. Zum Glück habe er einen neuen Ansprechpartner gefunden. Aber auch er merke, die Ärzte sind überlastet. Deshalb sei sein Anliegen: „Nicht so viel erzählen, sondern dranbleiben.“

Martin Wenger (KV) und Dr. Annett Lüders (von rechts) sowie Dr. Burkhard John (links) stellten unter anderem das Filialpraxismodell vor. Gabriele Haseloff (2. von links) war sehr interessiert.

Das steht auch im Fokus der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt, deren Vorstandsvorsitzender Dr. Burkhard John den Eindruck Schulzes, dass viele Ärzte überlastet sind, bestätigt. Die Ärzte in der Altmark haben mit rund 1300 Patienten im Schnitt 20 Prozent mehr Patienten als im restlichen Bundesgebiet und dazu weite Wege in den großen, ländlichen Versorgungsgebieten. Mit eigenen Filialpraxen und den Aufgaben der Versorgungsassistentinnen in den Hausarztpraxen versuche man bereits seit Jahren gegenzusteuern. Und auch Kommunen – John nannte Osterburg als positives Beispiel – werden selbst aktiv, um Ärzte zu gewinnen. Aber das alles reiche in seinen Augen nicht.

Steinmeier war wie seine Frau Elke Büdenbender an dem Thema sehr interessiert. Denn sie kommen, wie er erzählte, beide auch vom Land. Sein Heimatort habe 800, das seiner Frau 1200 Einwohner. Und so haben beide die erste Phase der Entleerung des ländlichen Raumes, wie er es nannte, erlebt: Schule weg, Kneipe dicht, Tankstelle zu, Arzt weg. Dabei sei die Gesundheitsversorgung ein wichtiger Aspekt auf dem Land. Er sei dankbar, wandte er sich an John, „dass Sie daran arbeiten“. Der Lösungsansatz mit den Filialpraxen sei interessant. Ob es denn Klebeeffekte gebe, wollte er wissen.

Die gibt es, bestätigte John. Dr. Annett Lüders hat nach zwei Jahren in der allerersten Filialpraxis in Letzlingen sie als eigene übernommen. Dr. Anja Mersiowski arbeitet seit fünf Jahren in der Filialpraxis in Seehausen und fühlt sich dort mit ihrer Familie wohl und aufgehoben, während die KV für Berit Lesniak derzeit eine Filialpraxis in Wolmirstedt einrichtet und bis dahin Übergangsräume anmietete, weil der Bedarf so groß war. „Wir wurden regelrecht überrannt“, erklärte die Medizinerin. Alle drei berichteten über ihre Erfahrungen, wobei Dr. Lüders auch noch deutlich machte, dass der Ärztenachwuchs eigentlich nur aus den eigenen Reihen rekrutiert werden könne, da dieser die Gegebenheiten vor Ort kenne. Zudem, sprach sie ein weiteres Thema am, erschweren viele Reglementierungen so manche Behandlungen, was auch viele abschrecken würde, Hausarzt zu werden.

Diese Problematik war Steinmeier nicht unbekannt, der, wie er sagte, als Bundespolitiker eine Gesundheitsreform mit auf den Weg gebracht habe: „Das ist ein blutiges Geschäft. Da wird um Zehntel gerungen.“ Vernunft reiche da nicht. Denn alle glauben, sie kommen zu kurz.

Er würdigte das Filialpraxismodell auch noch einmal während des anschließenden Empfangs, hoffe, dass es weiter wachse und vielleicht von anderen Bundesländern übernommen werde.

Von Elke Weisbach

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