Die Verträge sind gemacht

Nach mehr als 40 Jahren: Elfi Pfennigsdorf hört als Notarin in Gardelegen auf

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Elfi Pfennigsdorf war seit mehr als 40 Jahren Notarin in Gardelegen. Nun ist die 67-Jährige in den Ruhestand gegangen.

Gardelegen – Es war an ihrem letzten Arbeitstag. Am vergangenen Freitag. Elfi Pfennigsdorf hatte ihr Siegel abgegeben, dazu ihre Zulassungsurkunde. Sie verließ zum letzten Mal ihr Büro am Postparkplatz in Gardelegen.

Ging zum Auto. Stieg ein. Schaltete das Radio ein – und es lief gerade Marius Müller-Westernhagen. Seine Hymne auf die „Freiheit“ mit der ersten Textzeile „Die Verträge sind gemacht. . . “

Das sei, erinnert sich Elfi Pfennigsdorf, „so was von passend in diesem Augenblick“ gewesen, dass sie mitsummen musste. Denn der vergangene Freitag war der letzte Arbeitstag der Notarin Elfi Pfennigsdorf. Seit 1978, als sie ihre Notarurkunde nach erfolgreichem Studium an der Humboldt-Universität in Berlin und der absolvierten Notarassistenzzeit erhalten hatte, arbeitete die gebürtige Schwiesauerin als Notarin. Und das in der heimischen Region, was sie als „Glücksfall für mich“ bezeichnet. Denn die heute 67-Jährige wollte nie aus der Altmark wegziehen. „In bin in Zichtau, Schwiesau und später in Gardelegen zur Schule gegangen“, erzählt sie. „Ich wollte nicht von hier weg. “ Also nahm sie vor fast 42 Jahren die Chance wahr, Notarin in Gardelegen zu werden.

Damals noch im alten Amtsgericht an der Ecke Bahnhofstraße/Bornemannstraße. Zu DDR-Zeiten waren Notare noch dem jeweiligen Bezirksgericht unterstellt. Das änderte sich mit der Wende. Es kam die Chance, sich in ihrem bisherigen Beruf als Notarin selbstständig zu machen. Rückblickend bereue sie diesen Schritt nicht. Aber vor 30 Jahren „hatte ich durchaus Schiss“, gibt sie zu. Die berufliche Veränderung nötigte ihr gehörigen Respekt ab. Veränderungen, die auch ihr weiteres berufliches Leben begleiteten. Neue Bestimmungen, Vorschriften, Artikelgesetze – auch eine Folge des Übergangs ins bundesdeutsche Rechtssystem. Das alles bestimmte ihren beruflichen Alltag. Beim ersten Vertrag nach der Einheit, nach dem für sie neuen gesamtdeutschen Recht, „habe ich geguckt wie ein Schwein ins Uhrwerk“.

Was für sie aber mindestens genauso wichtig war wie all die Vorschriften und Regelungen, die beachtet werden müssen, war der Umgang mit Menschen. Als Notarin sitze man zwar viel am Schreibtisch, müsse Unmengen von Papierkram erledigen. „Aber man kommt auch mit ganz vielen und höchst unterschiedlichen Menschen zusammen.“ Wenn es dann um Themen wie Erbschaft und Scheidung gegangen sei, dann sei es mitunter – auch direkt in ihrem Büro – emotional, auch persönlich geworden. „Ich lese gerne Bücher“, sagt die nun ehemalige Notarin. „Ich lese allerdings kaum Krimis – Krimis hatte ich oft genug bei mir im Büro.“ Und wurde es dann doch zu heftig, dann nahm Elfi Pfennigsdorf, so erinnert sie sich, in einem Fall sogar ihr Lineal in die Hand und knallte es auf den Tisch – „danach war Ruhe.“ Emotionale Auseinandersetzungen habe sie aber oft dann doch glätten können. Zumal sie als Notarin – anders als beispielsweise ein Anwalt – neutral sein müsse. Das gelte für Grundstücksangelegenheiten ebenso wie für das Aufsetzen von Testamenten.

Und jetzt? Als Nicht-mehr-Notarin? „Da fühle ich mich befreit“, gibt Elfi Pfennigsdorf zu. Dass es in Gardelegen nach ihrem beruflichen Ende mit Katharina Trensch wieder eine Notarin gibt, die wie Elfi Pfennigsdorf zuvor den Amtsgerichtsbezirk Gardelegen betreut, freut sie. Aber die Last sei jetzt weg. „Man hat als Notarin ja doch eine große Verantwortung.“ Und wenn man auch mal in familiäre Abgründe schaue, „dann lässt einen das nach Feierabend nicht los.“ Dann grüble man auch nachts im Bett. Diese Verantwortung falle nun ab, auf die von Marius Müller-Westernhagen besungene „Freiheit“ freue sie sich.

Auch wenn Elfi Pfennigsdorf noch keine konkreten Pläne hat, so kann sie sich ein künstlerisches Hobby vorstellen. „Ich bin kreativ veranlagt“, sagt Elfi Pfennigsdorf. Mit der bisherigen Einschränkung, „dass ich meine Kreativität bisher in den Beruf gesteckt habe.“ Vielleicht fange sie an zu malen. Und lesen tue sie ohnehin sehr viel, „Romane und Biografien zum Beispiel.“ Aber eben keine Paragrafen mehr.

Für Elfi Pfennigsdorf gilt ab sofort das, was Marius Müller-Westernhagen in seiner „Freiheit“-Hymne vor mehr als 30 Jahren besungen hat: „Die Verträge sind gemacht.“ Und zwar mehrere tausend in mehr als vier Jahrzehnten.

VON STEFAN SCHMIDT

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