Das Schicksal des Joseph Broussot

Nach Jahrzehnten steht fest: Franzose kam beim Massaker in der Gardelegener Feldscheune ums Leben

Gardelegens Gedenkstättenleiter Andreas Froese steht vor den Ausstellungsobjekten.
+
Gardelegens Gedenkstättenleiter Andreas Froese hat die Lebensgeschichte des französischen KZ-Häftlings Joseph Broussot mit in die Dauerausstellung eingebaut.
  • Stefan Schmidt
    VonStefan Schmidt
    schließen

Ein weiteres Schicksal eines KZ-Häftlings haben Gardelegens Gedenkstättenleiter Andreas Froese und sein Team nun aufgeklärt. Es handelt sich um den Leidensweg des Franzosen Joseph Broussot.

Gardelegen – Geboren wurde Broussot am 19. Juni 1902 in Paris. Das Geburtsdatum „1908“ auf der in der Dauerausstellung des seit dieser Woche wieder geöffneten Besucher- und Dokumentationszentrums auf der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe als Objekt präsentierten biografischen Widmungstafel ist nicht korrekt, erläutert Froese. „Die Herkunft dieser Tafel und somit auch das Zustandekommen dieses Datumsfehlers bleiben unklar.“

Nach seiner Schulzeit und seinem Militärdienst bei der französischen Marine arbeitete Joseph Broussot ab 1926 für die staatliche französische Eisenbahngesellschaft. Er heiratet, gründet eine Familie und zieht von Paris nach Versailles.

Als Anhänger von Charles de Gaulle wurde er im April 1942 nach Recherchen des Gedenkstättenteams zum ersten Mal wegen politischer Sympathien und Aktivitäten für die französische Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung in Frankreich verhaftet und nach wenigen Wochen wieder freigelassen.

Möglicherweise Denunziation

Im August 1943 wurde Broussot erneut verhaftet und zunächst im Gefängnis in Fresnes interniert. Die genauen Hintergründe seiner zweiten Verhaftung sind unklar und widersprüchlich: Entweder handelte es sich um seine von den deutschen Besatzungsbehörden enttarnte Aktivität innerhalb der französischen Widerstandsbewegung, möglicherweise auch um eine persönliche Denunziation von französischer Seite bei den deutschen Besatzungsbehörden.

Am 28. Oktober 1943 wurde er zusammen mit weiteren etwa 1000 Verhafteten in einem Transportzug ins KZ Buchenwald deportiert. Im Januar 1944 wurde er von dort ins KZ-Außenlager Dora – dem späteren Hauptlager des ab Oktober 1944 eigenständigen KZ Mittelbau – zur Zwangsarbeit überstellt. Im Juli 1944 wurde er ins KZ-Außenlager Wieda (bei Nordhausen) verlegt und „musste dort Zwangsarbeit für den Eisenbahnbau leisten“, wie Froese weiter aufführt.

Im April 1945 wurde Broussot im Zuge der Räumungstransporte und Todesmärsche aus dem KZ-Komplex Mittelbau zu Fuß über den Harz getrieben und geriet in den Transportzug, der bei Letzlingen infolge eines alliierten Luftangriffs ungeplant zum Stehen kam. Nach einem missglückten Fluchtversuch griffen ihn Mitglieder des lokalen Volkssturms und der SS wieder auf, trieben ihn zurück in die Häftlingskolonne, zu Fuß weiter in Richtung Gardelegen und am frühen Abend des 13. April 1945 aus der Remonteschule zum Massaker in der Feldscheune.

Schreibfehler in Häftlingsnummer

„Seine Häftlingsnummer wurde im Laufe der Jahrzehnte nach 1945 nicht kontinuierlich überliefert“, berichtet Froese weiter. „Bis in die 1970er Jahre findet sie sich noch in den lokalen Listen der damaligen Mahn- und Gedenkstätte, danach verschwand sie aus den Listen und wurde verändert weitergeführt.“ Aus einer 4 in der fünfstelligen Häftlingsnummer wurde offenbar versehentlich eine 6, mutmaßt Froese. Die Gründe hierfür wurden nicht dokumentiert. „Wegen dieser unklaren Überlieferung der Häftlingsnummer ließ sich Joseph Broussot nicht eindeutig zuordnen.“ Deshalb wurde sein Name auch im Frühjahr 2011 nicht ins Gedenkbuch für die Ermordeten des Massakers auf dem Ehrenfriedhof der Gedenkstätte aufgenommen.

Über Kontakte der Gedenkstätte zu französischen Historikerinnen und Historikern und Mitgliedern von Angehörigenverbänden in Frankreich ließ sich nun anhand von früh dokumentierten Zeugnissen und Berichten von zwei überlebenden französischen KZ-Häftlingen kurz nach ihrer Befreiung und Heimkehr bestätigen, dass Joseph Broussot tatsächlich am 13. April 1945 in Gardelegen ermordet und auf dem Ehrenfriedhof beigesetzt wurde.

„Nach dieser Klärung ist nun die nachträgliche biografische Aufnahme von Joseph Broussot im Gedenkbuch auf dem Ehrenfriedhof möglich und selbstverständlich beabsichtigt“, freut sich der Gedenkstättenleiter.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare