„Wir gucken jetzt in die Zukunft“

Nach Hausbrand: Ehepaar aus Wannefeld unendlich dankbar für die Welle der Hilfsbereitschaft

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Elvira und Reinhard Rettig aus Wannefeld sind dankbar für die spontane und herzliche Hilfe, die ihnen nach dem Brand ihres Hauses im Juli zuteil wurde. Zum Glück gab es nur Sachschaden, denn auch Hund Quester, die Katzen Ingeburg, Hugo und Suse sowie die beiden Wasserschildkröten Paulinchen und Friederike konnten gerettet werden.

Wannefeld. Ein Haus in Wannefeld wird das Christuskind in diesem Jahr nicht finden. Denn es existiert nicht mehr. Es wurde am 29. Juli ein Raub der Flammen, die der Familie ihre Heimstatt nahmen.

Doch Elvira und Reinhard Rettig blicken dennoch hoffnungsfroh in die Zukunft. Der Streifen Licht am Horizont wird mit der Zeit immer größer.

Der Tag im Juli ist immer noch präsent. Jedes elektronische Piepen in ihrer Nähe lässt Elvira Rettig bis heute zusammenfahren, sich ängstlich umgucken, ob irgendwo Rauchzeichen zu sehen sind. „Jedes Piepen ist eine Qual.“ Denn auch am 29. Juli piepten die Rauchmelder. Doch zunächst war weder Rauch zu sehen noch Brandgeruch zu riechen. Außerdem wurde hinter dem Grundstück mit Großgeräten rangiert. Deshalb ignorierte sie das Piepen. Sie wollte mit ihrer ältesten Tochter in den Garten, erzählt die 56-Jährige im Gespräch mit der Altmark-Zeitung, bei dem immer wieder die Tränen fließen. Aus diesem Grund waren alle elektronischen Geräte abgeschaltet und auch alle Stecker herausgezogen. Sie selbst, damals aufgrund ihrer Krankheit noch im Rollstuhl sitzend, befand sich bereits auf dem Hof, als sie die ersten kleinen Rauchschwaden bemerkte. Sie rief um Hilfe, doch niemand hörte sie…

Auch Astrid hatte den Rauch inzwischen bemerkt und alarmierte die Leitstelle. Kurz darauf ertönten auch schon die Sirenen in Wannefeld, Letzlingen, Roxförde, Potzehne, Jerchel und Jeseritz sowie in Gardelegen. Dazwischen lagen nur Minuten. Aber, so erzählt Elvira Rettig, „die Zeit vom Anruf bis zur Auslösung der Sirene kam mir sehr lang vor. Es waren Stunden für mich.“ Mittlerweile hatte ihre Tochter sie vor das Haus gebracht, von dort begleiteten alarmierte Wannefelder sie auf die andere Straßenseite. Man weiß ja nie…

Und die Vorsichtsmaßnahme sollte sich als richtig erweisen. Denn als die Einsatzkräfte eintrafen, hatten sich die Flammen im Inneren so weit ausgebreitet, dass der Dachstuhl bereits Feuer gefangen hatte und plötzlich Flammen aus dem Dach schlugen.

Fotos vom Brand

Wohnhaus brennt in Wannefeld

In dem Moment „hat man gar nichts mehr im Kopf“. Der Schreck sitze einem in den Gliedern, denn „niemand rechnet damit, dass es bei einem selbst mal brennt“, so die Wannefelderin, deren Mann Reinhard seit Jahrzehnten sehr aktiv in der örtlichen Feuerwehr tätig ist. Sie konnte nur mit verstörtem Blick auf ihr Elternhaus schauen. Ihre einzigen verzweifelten Rufe waren: „Rettet mein Haus!“ Davon weiß Elvira Rettig nicht mehr viel aus eigener Erinnerung, sondern nur aus Erzählungen. Erst im Gardelegener Altmark-Klinikum, wohin sie zur Sicherheit gebracht wurde und eine Nacht bleiben musste, kam sie wieder so einigermaßen zu sich.

Etwas schwierig war es an diesem Tag, ihren Mann zu informieren, der sich bei der Arbeit befand. Reinhard Rettig ist beim Wachschutz des Gefechtsübungszentrums tätig und befand sich zum Zeitpunkt, als ihm die Nachricht seines Chefs erreichte, mitten auf dem Truppenübungsplatz. „Im Eiltempo bin ich über den Platz geheizt“, erzählt er. Denn in so einer Situation denke man nicht, „man funktioniert“. Gemeinsam mit seinem Wachschutzführer ging es dann nach Wannefeld, wo der Rettungseinsatz auf Hochtouren lief. Denn es galt, das Nachbarhaus vor den Flammen zu bewahren. Das Haus der Familie war nicht mehr zu retten. „Was ich allerdings traurig fand“, so erinnert sich Reinhard Rettig, „viele junge Männer waren da, die nicht zugegriffen haben.“

Was dann begann, war eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft, für die sie, und das betonen die beiden immer wieder, „unendlich dankbar“ sind. Ganz viel Hilfe kam von den Wannefeldern und den Menschen aus den umliegenden Dörfern. Es wurde ein Spendenkonto eingerichtet. Es kamen Sachspenden, die dringend benötigt wurden, auch wenn Rettigs zum Glück in das bis dato schon länger unbewohnte und komplett möblierte Haus ihrer Tante einige Meter weiter im Dorf erst einmal einziehen konnten. Doch das meiste eigene Hab und Gut wurde ein Raub der Flammen oder des Löschwassers. Nur wenige persönliche Sachen konnten gerettet werden. Doch es gibt sie, wie beispielsweise Foto-Alben. Zudem wurde eine Benefizveranstaltung auf dem Hof des Letzlinger Jagdschlosses organisiert, die sehr gut ankam und das Spendenkonto weiter auffüllte.

Es kamen aber auch Zuspruch, liebe Karten und Briefe von gänzlich unbekannten Leuten. „Man kann die Gefühlen gar nicht in Worte fassen“, so Elvira Rettig. Damit habe sie nie gerechnet, nimmt ihn aber dankbar an. Den Zuspruch gibt es auch heute noch, „und man braucht ihn auch immer noch, gerade in dieser Jahreszeit“ – mit Blick auf das Weihnachtsfest, das in diesem Jahr so ganz anders ausfällt. Heute Abend kommen ihre beiden Töchter Astrid, die immer noch mit den Auswirkungen des Unglücks zu kämpfen hat und beispielsweise keine offenen Flammen wie Kerzen sehen kann, sowie Ellen mit ihrem Mann Sören. Die Weihnachtstage verbringen Rettigs dann bei ihrer Töchtern. Denn Familie und Zusammenhalt ist in dieser immer noch schweren Zeit das Allerwichtigste.

Aber der Lichtstreif am Horizont wird größer. „Wir gucken jetzt in die Zukunft. 2016 kann nur besser werden“, so das Ehepaar. Das alte Haus ist mittlerweile abgerissen, der Neubau geplant. Elvira Rettig konnte im Oktober ihren Rollstuhl verlassen und wieder auf zwei Beinen in die Zukunft gehen. Sie freut sich schon wieder darauf, in ihrem neuen Haus, auf ihrem Hof und in ihrem Garten zu werkeln – auch wenn es noch etwas dauert.

Am Ende des Gespräches machen Elvira und Reinhard Rettig noch einmal deutlich: „Wir möchten uns bei allen Bekannten und Unbekannten bedanken, die geholfen und gespendet haben.“ Und sie fügen hinzu: „Jeder junge Mensch sollte sich doch überlegen, in die Feuerwehr einzutreten. Denn wir haben am eigenen Leib erlebt, wie schnell man Hilfe braucht.“

Von Elke Weisbach

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