80-Jährige Schnöggersburg-Betreterin vor Gericht / „Sie befinden sich im feindlichen Ausland“

„Muss das sein?“ – „Es muss sein“

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Die militärische Übungsstadt Schnöggersburg mitten in der Colbitz-Letzlinger Heide hat bereits symbolische Straßenschilder – und ist vielen Friedensaktivisten ein Dorn im Auge. 

Gardelegen. Sie könne nicht mehr ganz so gut hören, erklärte die Frau auf der Anklagebank. „Dann rücken Sie doch etwas weiter an mich heran“, schlug Richter Axel Bormann fast väterlich vor.

Was Ingrid Fröhlich-Groddeck dann auch tat – wenn auch unter dem leisen Protest der Zuhörer im Saal 106 des Gardelegener Amtsgerichts. „Dann können wir Dich nicht mehr so gut verstehen“, gaben sie zu verstehen. Denn offenkundiges Ziel des Prozesses um Hausfriedensbruch gegen die 80-jährige verwitwete Rentnerin aus Stendal war – zumindest aus Sicht der etwa 30 Sympathisanten im Saal – nicht etwa die eigene Verteidigung. Sondern die Verlautbarung des politischen Standpunkts.

Im Gerichtssaal

Und einen solchen hat die rüstige Frau. Denn die Ohren machen zwar nicht mehr ganz mit. Die Füße aber offenbar. Ingrid Fröhlich-Groddeck betrat nach einem kilometerlangen Fußmarsch im Morgengrauen des 5. August 2017 die Baustelle der Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg. Sie war die mittlerweile vierte Angeklagte, die Bormann zu verhandeln hatte. Immer wegen desselben Tatvorwurfs. Und wie bei allen anderen zuvor, ging es ihr weniger um die Tat selbst, sondern um ihre Beweggründe, die sie dem Gericht und vor allem ihren Gesinnungsgenossen darlegen wollte.

„Mein Ziel war es, entdeckt und angeklagt zu werden“, beteuerte die Rentnerin. Und dann las sie vor. Seite um Seite. Über „Kriegsverbrechen, die permanent in der Colbitz-Letzlinger Heide vorbereitet werden.“ Sie wolle das „Lügen- und Manipulationsnetz sichtbar machen, in dem wir uns befinden – Sie auch“, blickte sie zum Richter hinauf. Fröhlich-Groddeck zitierte ausgiebig aus Reden, Schriften, Büchern, Wikipedia-Einträgen. Dies tue sie, „weil Sie mich sonst für eine Verschwörungs-Theoretikerin halten“. Der Neoliberalismus fresse die Demokratie auf, „deutsche Soldaten werden wieder an die Ostfront geschickt“, es gebe im Westen eine „Hetze gegen die Sowjetuni... äh Russland“. Soldaten würden „mit Lügen in Kriege gelockt. Sie wissen nicht, dass sie benutzt werden für imperiale Machtinteressen, fremde Menschen zu töten.“ Deshalb sei Schnöggersburg auch „ein Ort der Schande“.

Irgendwann wurde es dem Richter zu viel. Er unterbrach den Monolog, der sich zeitweise wie ein Fachreferat in einem Universitäts-Hörsaal anhörte.

Bormann: „Muss das sein?“ Antwort: „Es muss sein.“ Bormann: „Die Ersten schlafen schon.“ Und: „Wikipedia-Einträge helfen uns nicht weiter.“ Da regte sich Widerspruch im Publikum. Nein, das sei hochinteressant, man wolle dies alles zuende hören, bekam er zu hören.

Also durfte Ingrid Fröhlich-Groddeck weiter vorlesen. Seite um Seite. Über die „Kriegsverbrecher in der Bundesregierung“. Über Bomben aus dem Westen auf Syrien als Racheakt für die Terroranschläge vom November 2015 in Paris, „obwohl da gar keine Syrer daran beteiligt waren“. Über den Staatsanwalt Fritz Bauer, der die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt am Main eingeleitet hatte und als Jude auch Feinde in der damaligen Bundesrepublik hatte. Bauers Satz, er befinde sich mit Verlassen des eigenen Büros „im feindlichen Ausland“, obwohl mitten in Deutschland, münzte die Angeklagte auf Bormann um. Spreche er sie frei, „dann befinden Sie sich ebenfalls im feindlichen Ausland“.

Nach 53 Minuten schritt Bormann erneut ein. Er vertage die Verhandlung, die längst länger dauerte als angesetzt. Weitere Verhandlungen ständen noch an, die Prozessbeteiligten warteten bereits draußen auf dem Flur. Es sei denn, die Angeklagte käme alsbald zum Schluss. Doch da machte Ingrid Fröhlich-Groddeck dem Richter wenig Hoffnung: „Ich habe noch fünf Seiten.“

Also vertagte Bormann die Verhandlung auf die nächste Woche. Mit dem dezenten Hinweis an die Rentnerin: „Merken Sie sich, wo Sie stehen geblieben sind.“ Schlusswort der Angeklagten an diesem Tag: „Ich habe mir die Stelle angestrichen.“

Von Stefan Schmidt

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