„Musik ist mehr als Daddeldi-Daddeldei“

Nah am Publikum, immer zu einem Scherz aufgelegt: Björn Casapietra und Sibylle Briner nach dem Konzert beim Signieren der CDs.

Gardelegen. Es ist Mitte Juli. Das Jahr 2011 ist gerade mal zur Hälfte rum. Doch schon jetzt dürfte feststehen: Der Konzert-Höhepunkt des Jahres in Gardelegen fand am Donnerstagabend statt. Vor knapp 300 Besuchern im Schützenhaus. Zweieinhalb Stunden lang unterhielt der Tenor Björn Casapietra das Publikum. Obwohl: Unterhalten ist eigentlich nicht richtig. Er sang. Er charmeurte. Er augenzwinkerte. Er begeisterte. Sich an sich selbst und das Publikum obendrein.

Das ist schon mitten im Konzert, trotz des für Gardelegener Verhältnisse nicht gerade billigen Eintrittspreises von fast 30 Euro, hin und weg. Stehende Ovationen noch vor der Pause, wahre Begeisterungsstürme zum Ende hin, als Björn Casapietra den Italiener in ihm auspackt. Der 41-Jährige Berliner, in der DDR aufgewachsen und mit deutschem sowie italienischem Pass ausgestattet, ist zwar Tenor. Aber ein Klassik-Konzert im klassischen Sinne ist der Abend mit Casapietras aktuellem Programm „Romantic Love Songs“ keinesfalls. Björn Casapietra singt auch moderne Stücke. Bis hin zu Pop-Songs.

An seiner Seite die lasziv-rauchige Stimme der schweizer Pianistin Sibylle Briner. Gemeinsam erklingt „Where The Wild Roses Grow“ aus den 1990-er Jahren, damals von Nick Cave und Kylie Minogue gehaucht. Und der „R.E.M.“-Schmachtfetzen „Everybody Hurts“, ebenfalls von beiden brillant dargeboten, hat für Casapietra eine ganz besondere Bedeutung. Eines Jahres, so erzählt er traurig auf der Bühne, habe er Heiligabend alleine verbringen müssen: Vater gestorben, Mutter in Italien, Bruder feierte mit seiner Familie. Da habe dieses Lied sein Seelenleben widergespiegelt. „Ooooch“, raunte es da traurig aus dem Publikum – eine Runde Bedauern. Björn Casapietra kichert und schaut gespielt-böse: „Geht´s noch...?“ Musik sei eben „nicht nur Daddeldi-Daddeldei“, versichert er. Genau das ist es, was den Abend so magisch macht: Das Zusammenspiel zwischen Publikum und Künstler. Mittendrin die Ankündigung Björn Casapietras, im nächsten Jahr „auf jeden Fall“ wieder in Gardelegen singen zu wollen. In der Weihnachtszeit, „vielleicht in einer Kirche?“ Das Publikum rast. Das Versprechen steht.

Im zweiten Teil dann erst das mystische „Hallelujah“ des von Casapietra bewunderten kanadischen Song-Poeten Leonard Cohen. Dann wird es mediterran. Björn Casapietra schmettert „Granada“, die Kleidung wird luftiger. Die anfangs getragene Krawatte liegt ohnehin längst in der Garderobe. Nun verschafft sich der Tenor auch Luft am Kragen, auf der Stirn steht Schweiß.

Es fehlt noch das italienischste aller italienischen Lieder: „O sole mio.“ Und die Aufforderung, dass das Publikum den Refrain gefälligst alleine singen soll, „ist intellektuell ja nicht so wahnsinnig anspruchsvoll.“ Die Leute mühen sich, Casapietra ist skeptisch: „War nicht schlecht.“ Aber richtig gut auch noch nicht. Zum Glück hat das Lied, 1898 in Neapel komponiert, mehrere Strophen. Und zum Schluss klappt es dann auch mit dem Mitsingen. Als Absacker noch „You Raise Me Up“ der norwegischen Popgruppe „Secret Garden.“ Und ein paar Minuten nach Konzert-ende Autogrammstunde am Devotionalienstand, klassisch mit verschwitztem Hemd und feuchtem Handtuch um den Hals. Da sehen die Besucher des Konzertes in Gardelegen Björn Casapietra erstmals von ganz Nahem. Und stellen fest: Er sieht gut aus. Er ist ein Charmeur. Und singen kann er nebenbei auch noch.

Von Stefan Schmidt

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