Im Morgengrauen unterwegs mit der „fliegenden Wünschelrute“

Sanft und riesig wie ein Wal gleitet das Luftschiff durch den Nebel über der Heide.

Letzlingen - Von Gesine Biermann. Wie ein riesiger Wal „schwimmt“ das Luftschiff durch den Nebel. Fast lautlos schwebt es gestern in der Morgendämmerung über Heidegras und Panzerstraßen. Winzige Menschlein am Boden schauen dem Schauspiel wie gebannt zu. Ihre Motive allerdings sind sehr unterschiedlich. Während die einen nur staunen und ihre Kameraobjektive erbarmungslos in den Himmel halten, hoffen die anderen auf verwertbare geologische Messergebnisse. Und während letztere gestern ein bisschen enttäuscht werden, sind erstere am Ende schwer begeistert von der „Mission Zeppelin“.

Es ist noch nicht einmal 5 Uhr morgens. Auf dem Truppenübungsplatz des Gefechtsübungszentrums (GÜZ) des Heeres in der Colbitz-Letzlinger Heide dämmert es gerade. Und obwohl hier derzeit keine Panzer fahren – „Es ist übungsfreie Zeit“, erklärt Hauptmann Thomas Herzog, Pressesprecher im GÜZ – ist mitten in der Heide schon richtig Betrieb.

Allerdings ist hier außer Herzog keiner in Uniform. Dafür schleppen sechs Männer und Frauen schwere Technik über das Stoppelfeld. Andere entfalten ein Stückchen weiter ein riesiges Stück Seide.

Als sich beide Parteien treffen, ist die Sonne gerade erst ein Stück über den Horizont geklettert. Es ist genau die richtige Zeit. Das Experiment kann beginnen.

„Wir stehen früher auf“, der Werbeslogan der Sachsen-Anhaltiner gilt momentan nämlich auch für den Niedersachsen Dr. Norbert Blindow und sein Geologenteam von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus Hannover. Das allerdings liegt nicht unbedingt daran, dass die sechs Physiker und Ingenieure gerade auf sachsen-anhaltinischem Boden arbeiten, sondern eher an ihrem Projekt. Vier Tage lang wollen die Forscher in der Heide Georadarmessungen vornehmen. Die riesige Antenne, etwa 180 Kilogramm schwer, wird dafür unter ein Luftschiff gehängt. Und das funktioniert – ähnlich wie beim Heißluftballon – nun mal am besten in den frühen Morgen- oder Abendstunden.

Karl Ludwig Busemeyer, Chef der Luftfahrer, und seine Crew von der Firma GEFA-Flug haben mit dem frühen Aufstehen also schon aus Berufsgründen kein Problem. Alle sind hellwach. Und während Michael Albold, Carsten Degenhardt und Marjolein Mondria die vielen Quadratmeter Seide entfalten, rund 5 000 Kubikmeter Luft in den Bauch des Luftschiffes strömen lassen und den „Wal“ an Leinen festhalten („Wer mit den Füßen abhebt, lässt los!“), setzt sich ihr Kollege Haimo Wendelstein vorn in den schnittigen Sechssitzer – der später winzigklein unter dem zeppelinförmigen Schiff hängen wird – und stellt sich mit den markigen Worten vor: „Ich fliege das Ding.“

Und das sagt er, obwohl ein Luftschiff eigentlich ja „fährt“, wie jeder weiß. Das aber, so meint der Pilot fröhlich, sei mehr so eine „deutsche Ausdrucksweise“. Und eigentlich hat er damit ja auch recht. „Fahren“ hört sich einfach komisch an. Denn schon kurze Zeit später befindet sich Wendelstein in seiner offenen Sechssitzerkabine – samt Chefwissenschaftler Dr. Blindow und seiner Kollegin Kristina Salat – und ganz viel hochmoderner Technik etwa 40 Meter über dem Boden. Und das sieht doch in Ermangelung jeglicher Bodenhaftung eindeutig nach Fliegen aus und kein bisschen nach Fahren.

Während die drei also langsam der gerade aufgehenden Sonne entgegen „fliegen“, hat Physiker Ulrich Buschmann – der mit Geologin Kristina Salat, Dr. Volker Gundelach und den beiden Ingenieuren Christoph Czora und Wolfgang Kahnt zum BGR-Team gehört – ein bisschen Zeit, um das Projekt „Luftschiffmessungen auf dem Truppenübungsplatz“ zu erläutern. Bei dem Verfahren nämlich werden elektromagnetische Wellen in den Boden gesendet. Dort werden sie an Gesteinsgrenzen und Grundwasserhorizonten reflektiert, von der Antenne wieder empfangen und schließlich im Lufschiff aufgezeichnet. Wie an einem Ultraschallbild können die Geologen schließlich ablesen, wie der Untergrund strukturiert ist.

Welchen Nutzen das praktisch haben kann, erzählt kurz darauf auch Norbert Blindow. So wurde mit diesem Verfahren „zum Beispiel in Chile eine Salzlagerstätte entdeckt“, die nun abgebaut werden kann. Zur Anwendung kommt die Metode zudem bei „der Untersuchung von Gletschern“, aber auch in der Lüneburger Heide. Dort wurden zum Beispiel die Grundwasserhorizonte genau erfasst.

Eine fliegende Wünschelrute also? „Wenn Sie so wollen“, schmunzelt Blindow. Allerdings kann das Gerät natürlich viel mehr als nur Wasser finden. Schließlich dringen die Impule unter otimalen Bedingungen bis zu 40 Meter in den Boden ein.

Konzipiert, so erklärt Buschmann, sei das Verfahren eigentlich für die Messung aus Hubschraubern. Das Luftschiff als Träger der Antenne biete aber viele Vorteile. Gegenüber dem Heißluftballon lässt sich dieses Gefährt nämlich zum einen präzise steuern und auf einer Höhe halten. Für die Physiker besonders interessant ist allerdings „die geringe und gleichmäßige Geschwindigkeit“. Diese garantiere Messungen mit größerer Datendichte und somit sichere Werte bei der Beurteilung der Bodenstruktur.

Gestern allerdings erschwert ein Faktor die Messungen, den selbst die klügsten Wissenschaftler und erfahrensten Luftschiffer nicht beeinflussen können: der Wind. Der weht einfach zu heftig. Und so müssen die Wissenschaftler ihre Arbeit für diesen Morgen einstellen und auf den nächsten angesetzten Termin vertrauen, der ebenfalls noch in dieser Woche vorgesehen ist.

Doch des einen Leid ist wie so oft der anderen Freud. Denn da das Gas, das die Luft im Ballon auf Reisetemperatur bringt, ob des frühen Einsatzes noch ausreichend vorhanden ist, bietet das Team aus Wissenschaftlern und Luftfahrern den versammelten Pressevertretern- und Sprechern mit und ohne Uniform eine kleine Extrarunde in der Sechsitzerkabine des „Zeppelin“ an. Sozusagen als Ausgleich für einen doch arg früh begonnenen Arbeitstag.

Und manchmal hat eben sogar die Presse nichts gegen heiße Luft einzuwenden.

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