Trotz frühzeitiger Bemühungen während der Kindergartenzeit / Rektorin: "Wir haben keinen Platz"

Louis ist hörgeschädigt – und kommt nicht auf die evangelische Grundschule in Gardelegen

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Der siebenjährige Louis Tomnitz wird von seiner Mutter Janine liebevoll umsorgt. Sie befürchtet, dass ihr hörgeschädigter Sohn Schwierigkeiten haben wird, neue Freunde zu finden.

Gardelegen. Am Ende ihrer Kindergartenzeit wünschen sich Kinder nichts sehnlicher, als gemeinsam mit ihren Freunden in die Schule gehen zu dürfen. Ein Wunsch, der sich doch eigentlich erfüllen lässt.

Oder doch nicht? Für den kleinen Louis Tomnitz wird dieser Wunsch wohl unerfüllt bleiben.

Der siebenjährige Louis besucht noch die integrative Kindertagesstätte (Kita) Arche Noah in Gardelegen. Ab diesem Sommer soll er dann in die Schule kommen. Doch das ist schwieriger als man denkt. „Wir wünschen uns, dass Louis in die evangelische Grundschule kommt. Dort, wo alle seine Freunde sind und ihn verstehen“, sagt die Mutter Janine Tomnitz.

Louis hat keinen einfachen Start ins Leben gehabt. Als er auf die Welt kam, war er im linken Ohr taub. Später verlor er auch noch seine Hörfähigkeit im rechten Ohr. Mit anderthalb Jahren setzte man ihm dann das erste Implantat am linken Ohr ein. Kurz vor seinem zweiten Lebensjahr bekam er das zweite Implantat. Bis dahin konnte Louis nicht laufen und nicht sprechen. „Seine Entwicklung hat sich verzögert“, erklärt die Mutter.

Positive Entwicklung

Heute entwickelt sich Louis weitgehend normal. Die Familie ist extra von Klötze nach Gardelegen gezogen, damit Louis die integrative Kita besuchen und dort auf die benachbarte Schule vorbereitet werden kann. „Louis Entwicklung ist bilderbuchmäßig. Er spricht in ganzen Sätzen und er traut sich, mit fremden Menschen zu reden“, erzählt Pädagogin und Kitaleiterin Petra Müller.

Familie Tomnitz und Kitaleiterin Müller halten es für die soziale Entwicklung des Siebenjährigen für sehr wichtig, dass er eine Grundschule besucht, in der er bereits bekannte Bezugspersonen hat. In diesem Fall ist das die evangelische Grundschule, in die auch seine Freunde gehen werden und die nur wenige Meter entfernt von der Kita ist. „Für Louis ist das eine ganz große Chance, die er nicht mehr bekommt. In einer anderen Schule bräuchte er wieder eine sehr lange Anlaufphase“, sagt Petra Müller.

Die junge Familie und die Kitaleitung haben schon früh mit der Rektorin der evangelischen Grundschule in Gardelegen, Katrin Niemeyer, Kontakt aufgenommen, um über Louis und das Thema Inklusion zu sprechen.

„Wir haben mit der Grundschule schon vor anderthalb Jahren Kontakt aufgenommen und die Schulleitung war nicht abgeneigt, Louis aufzunehmen“, erinnert sich Petra Müller. Laut Angaben der Kitaleiterin habe es etliche Kontakte zwischen Schule und Kita gegeben. Nach Angaben von Müller habe Katrin Niemeyer Louis sogar ein Mal für 20 Minuten in der Kita besucht. Danach habe sie gesagt, dass sie sich eine Aufnahme vorstellen könne.

Als es dann um die Schulanmeldung ging, stellte Janine Tomnitz keinen Antrag. „Ich wusste nicht, dass ich nach so vielen Gesprächen speziell noch einen Schulantrag stellen sollte. Ich dachte, das geht jetzt automatisch“, so die junge Mutter. Man habe ihr nicht gesagt, dass sie einen solche Antrag stellen müsse.

Grundschulleiterin Katrin Niemeyer und ihre Stellvertretung Swantje Roitsch sehen den Sachverhalt sehr sachlich. „Es ist keine schriftliche Anmeldung abgegeben worden. 34 Eltern hatten ihre Kinder angemeldet, für nur 20 Plätze in der künftigen ersten Klasse. Für ein zusätzliches Kind haben wir keinen Platz“, erklärt die Rektorin.

Laut Swantje Roitsch stünden noch weitere zwölf Kinder auf der Warteliste, deren Eltern alle ihre Anmeldungen pünktlich abgegeben haben. „Wir machen keine Ausnahme“, so die Stellvertreterin. Nachdem keine Anmeldung auf dem Tisch lag, habe die Schule auch nicht mehr bei der Kita nachgehakt. „Dadurch, dass wir keine Anmeldung hatten, haben wir uns mit diesem Thema dann nicht mehr beschäftigt“, erklärt Swantje Roitsch.

Nach so vielen Gesprächen – fragt man da nicht mal bei den Eltern nach, wo denn die Anmeldung bleibt? Warum nicht in diesem Fall? Auf diese Frage gab es keine konkrete Antwort seitens der Rektorin, eher ein Ringen nach den passenden Worten.

Vorschultreffen

Trotz der fehlenden Unterlagen hatte man Louis nämlich zunächst gemeinsam mit anderen Kindern zu einem der Vorschultreffen eingeladen. „Frau Müller und ich haben uns über diese Einladung riesig gefreut“, berichtet die junge Mutter. Die Freude währte jedoch nicht lange. Denn an diesem Tag gab es ein Unwetter und die Grundschule ließ das geplante Schultreffen für alle Kinder ausfallen. Louis bekam als einziger keinen Ersatztermin für ein weiteres Schultreffen in der evangelischen Grundschule. „Im Kollegium haben wir lange über Louis gesprochen. Wir haben uns entschieden, Louis nicht mehr einzuladen“, betont Schulrektorin Katrin Niemeyer. Und dann meint sie: „Es war ein Fehler, Louis überhaupt später nochmal einzuladen. Man hat der Familie damit Hoffnung gemacht.“

„Man kann ein Kind nicht einladen und es dann so bitter enttäuschen“, sagt Janine Tomnitz. Und auch Hartmut Krüger, Initiator und Vorstandsmitglied des Fördervereins der evangelischen Grundschule, ist empört über das Verhalten der Schule: „Es passt nicht in mein Vorstellungsbild, wie sich die Schule verhält.“ Laut Hartmut Krüger müsse die Johannes-Schul-Stiftung als Träger der evangelischen Grundschule Stellung zu diesem Fall beziehen. „Die Stiftung zieht sich bei dieser Entscheidung einfach zurück. Das ist für mich nicht in Ordnung. Für mich ist das Ganze nicht nur ein pädagogisches Thema, sondern schon politisch“, so Krüger. Petra Müller, Kita-Leitung und Fördervereinsvorsitzende der evangelischen Grundschule, erklärt: „Wir würden Louis immer unterstützen und ihn begleiten, so lange er es braucht, und auch die Schule unterstützen.“

Momentan bereitet Janine Tomnitz ihren Sohn behutsam darauf vor, dass er ab Ende August nicht mit seinen Freunden gemeinsam in die Schule gehen wird. Sie sagt besorgt: „Ich habe sonst Angst, dass er in seine alten Verhaltensmuster zurückfällt.“

Traurige Freunde

Noch können sie gemeinsam spielen: Otto Ahlfeld (von links), Louis Tomnitz und Hannes Teßmer.

Seine beiden Freunde, Otto Ahlfeld und Hannes Teßmer, sind sehr traurig darüber. „Ich finde das eigentlich nicht so toll, dass Louis nicht mit uns kommt. Ich würde mich auch alleine fühlen, wenn ich ohne meine Freunde wäre“, sagt Otto. Und Hannes meint: „Ich finde es blöd, dass er mit uns kein Fußball mehr spielen kann.“ Dann schauen sie sich gegenseitig an, legen sich kumpelhaft die Arme um die Schulter und freuen sich, dass wenigstens sie zusammen in die Schule gehen werden.

Von Marilena Berlan

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