Familientreffen am Ort des Geschehens: Bernd Lüders fiel vor 66 Jahren neun Meter in die Tiefe

Der Letzlinger Fenstersturz

Sigrid und Karl Lüders (v.l.) freuten sich über den Besuch von Bernd Lüders sowie Alfred und Lea Lüders aus Norwegen. Gestern fuhren sie wieder gen Heimat. Weitere Besuche sind geplant.
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Sigrid und Karl Lüders (v.l.) freuten sich über den Besuch von Bernd Lüders sowie Alfred und Lea Lüders aus Norwegen. Gestern fuhren sie wieder gen Heimat. Weitere Besuche sind geplant.

Letzlingen / Tönsberg. Dass Karl und Sigrid Lüders aus Letzlingen mit ihren Cousins Alfred und Bernd sowie Alfreds Frau Lea (eine Finnin), die alle drei in Norwegen beheimatet sind, dieser Tage gemütlich in Letzlingen an der Magdeburger Straße im Wintergarten sitzen konnten, ist zahlreichen glücklichen Umständen geschuldet.

Zum einen hatten die Cousins über 50 Jahre gar keinen Kontakt, was der Trennung der Eltern der beiden Brüder geschuldet war. Zum anderen hätte das Leben von Bernd vor 66 Jahren schon zu Ende sein können. Denn er fiel mit zwei Jahren im Letzlinger Elternhaus seines Vaters, in dem Karl Lüders mit seiner Frau Sigrid auch heute noch wohnt, aus einem Fenster neun Meter in die Tiefe.

Doch der Reihe nach: Der Uropa der Drei, August Lüders, betrieb eine Windmühle auf dem sogenannten Bullenberg. Sein Sohn Karl, der Opa der Drei, betrieb in Letzlingen an der Magdeburger Straße 28 eine Bäckerei, eine Mühle sowie einen Futter- und Düngemittelhandel. Mit seiner Frau hatte er drei Kinder: Karl, der Vater vom heutigen Karl Lüders, Herta und Alfred. Und Alfred, der Vater von Alfred und Bernd, ging während des Zweiten Weltkrieges nach Norwegen und lernte dort seine Frau Gudrun kennen, die er 1943 in Oslo heiratete. 1944 wurde dort auch noch Alfred junior geboren, bevor die kleine Familie nach dem Kriegsende nach Letzlingen in Alfreds, nun senior, Elternhaus zurückkehrte.

Die Familie bewohnte die obere Etage des stattlichen Hauses und dort erblickte Bernd 1946 das Licht der Welt. Er war gerade zwei Jahre alt, als das schlimme Unglück geschah, von dem niemand weiß, wie es genau passierte. Fakt ist, dass Bernd aus dem Giebelfenster zur Toreinfahrt, dem damals einzigen an dieser Hausseite, neun Meter in die Tiefe fiel und auf Natursteinpflaster auftraf. Sein Glück im Unglück war, dass er, warum auch immer, ein Federkopfkissen in den Händen hielt, das wohl seinen Sturz abgemildert hat. Denn außer einer kleinen Narbe an der Nasenwurzel blieb nichts zurück.

Doch die Aufregung war natürlich groß. Vater Alfred nahm seinen kleinen Sohn auf den Arm und rannte mit ihm durch den Garten zum Letzlinger Schloss, wo bereits die Außenstelle des Gardelegener Krankenhauses untergebracht war, und ließ seinen Sohn durchchecken. Es war ihm nichts weiter passiert. Nach einer Nacht zur Beobachtung in der Klinik durfte Bernd wieder nach Hause.

Dennoch hieß es für ihn und seinen Bruder Alfred bald Abschied nehmen von Letzlingen, Denn die Ehe der Eltern zerbrach nur ein Jahr später. Die Mutter zog mit den beiden Jungs 1949 erst nach Braunschweig und dann 1950 wieder zurück nach Norwegen. Seitdem herrschte Funkstille – bis ein weiterer Cousin, nämlich Klaus, der Sohn von Herta, nach der Jahrtausendwende im Internet eine Suchaktion startete und schließlich Alfred und Lea Lüders in Tönsberg fand.

Vor drei Jahren waren die beiden zum ersten Mal in Letzlingen und erzählten Karl und Sigrid Lüders auch von Bruder Bernd, dem es gut geht und der in der Nähe von Tönsberg lebt. Ihn trafen die beiden Letzlinger im vergangenen Jahr zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder, als sie die Familie in Norwegen besuchten.

Nun waren Alfred und Lea wieder und Bernd nach 65 zum ersten Mal am Montag nach Letzlingen gekommen. Und wie es der Zufall so wollte, übernachtete Bernd in dem Zimmer, aus dessen Fenster er vor 66 Jahren gefallen war. Denn es ist nun mal das Gästezimmer. Es war schon ein komisches Gefühlt, übersetzt Alfred Lüders die Worte seines Bruders, als er zunächst hoch und dann von oben nach unten geguckt habe. Denn obwohl er beim Fenstersturz noch sehr klein war, blieb er in seiner Erinnerung. Aus diesem Grund beherzigte er auch den Tipp, den Sigrid Lüders ihn mit einem Schmunzeln gab, nämlich das Fenster nicht weit zu öffnen, sondern nur anzukippen.

Gestern machten sich die Drei wieder auf den Weg nach Hause, wo sie heute Abend ankommen werden.

Von Elke Weisbach

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