Tatort: Die Tankstelle an der B 71 in Letzlingen

„Lassen Sie endlich die Hosen runter“: Exhibitionist im Amtsgericht zu Geldstrafe verurteilt

Gardelegen. Es ist nachts um drei Uhr. Tatort: Die Tankstelle an der B 71 in Letzlingen. Ein 40-jähriger Mann betritt den Verkaufsraum. Die Mitarbeiterin plaudert mit ihm. „Wir haben uns ganz nett unterhalten“, erinnert sie sich am Dienstag im Amtsgericht Gardelegen.

Er habe dann nach ihrer Telefonnummer gefragt, wollte offenbar mehr als nur eine zwanglose Plauderei. „Keine Chance, ich bin vergeben“, antwortet sie. Daraufhin er, so berichtet die Zeugin: „Entschuldigung, dass mein Ding raushängt. “ Und tatsächlich, so schildert sie unter Tränen: „Dann stand er da – in voller Montur. “ Auf Nachfrage von Richter Axel Bormann mit „leicht erigiertem“ Glied. Dann geht der 40-Jährige auf die Toilette, „so für zehn, 15 Minuten. “ Währenddessen betreten mehrere Frauen die Tankstelle. Die Kassiererin bittet sie zu bleiben, berichtet von dem Vorkommnis. „Es war mir danach ganz komisch. “ Die Frauen warten.

Stöbern im „Playboy“

Der Mann kommt zurück von der Toilette. Stöbert längere Zeit im Zeitschriftenregal. Die Befürchtung der Kassiererin: Er will abwarten, bis sie wieder alleine sind. Doch die anderen Frauen fordern ihn auf zu verschwinden: Gleich kämen ihre Männer, „und die sind auf Krawall gebürstet.“ Der Mann sucht sich zwei „Erwachsenen-Zeitschriften“ aus, wie die Kassiererin schildert – unter anderem den Playboy. Zahlt, verlässt den Verkaufsraum, setzt sich ins Auto, fährt zweimal um die Tankstelle herum und braust dann davon – die Frauen notieren sich das Kennzeichen. Die Kassiererin geht tags darauf zur Polizei und erstattet Anzeige.

„Es tut mir leid“

Bei der gestrigen Verhandlung erzählt der Angeklagte eine ganz andere Geschichte. Er sei tatsächlich auf der Toilette gewesen, hätte beim Betreten des Verkaufsraums nach dem Wasserlassen aber die Hose noch nicht zu gehabt, als die Kassiererin plötzlich neben ihm stand. Er habe sich sogar weggedreht. „Es tut mir leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist“, beteuert er. Die Staatsanwältin wundert sich: Nach dem Toilettengang gehe man doch nicht mit offener Hose in die Öffentlichkeit zurück. Andererseits: „Ohne Ihnen nahetreten zu wollen: Bei Ihnen braucht das gewiss seine Zeit“, schaut sie den Angeklagten an, dessen Körperbau mit vollschlank eher noch unzureichend beschrieben ist.

Als der Angeklagte bei seiner Version bleibt, fordert ihn der Richter zum letzten Mal zu einer Korrektur auf: „Nun lassen Sie endlich die Hosen runter.“ Doch der Mann beharrt auf seiner Version des missglückten Toilettengangs.

Aber da gibt es noch eine dritte Version: Die tischte der gebürtige Rheinländer der Polizei während der Vernehmung kurz nach der Tat, die sich am 15. Juli dieses Jahres ereignet hat, auf. Richter Bormann kommentiert das, was er da aus dem Vernehmungsprotokoll vorlas, drastisch: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man sich so einen Stuss ausdenken kann.“

Denn laut Polizei betrat der Angeklagte die Tankstelle mit einem „Silikon-Masturbator für Männer“ und habe diese „Vibri-Muschi“ auch gezeigt. Bormann hatte recherchiert: Im Versandhandel gebe es ein solches Modell „in der Billigvariante für 9,99 Euro, in der Luxusversion für 39 Euro.“ Der 40-Jährige gab vor Gericht zu: Die Geschichte sei frei erfunden, weil er sich geschämt habe. Und auch der Anwalt des Angeklagten ist fassungslos: „Wir kann man nur so einen Käse erzählen?“ Sein Mandant – er ist ledig – sei „etwas gehemmt in verschiedenen Bereichen“, sucht er nach einer Erklärung.

Strafe: 2600 Euro

Am Ende verurteilt ihn das Amtsgericht wegen „exhibitionistischer Handlung“ zu einer Geldstrafe in Höhe von 2600 Euro (65 Tagessätze). Auch deshalb, weil der Angeklagte durch das Beharren auf seiner Version die Kassiererin erst zur emotionsgeladenen Aussage vor Gericht zwang.

Am Schluss will sich der 40-Jährige bei der Kassiererin entschuldigen. „Möchten Sie das?“, fragt der Richter. Sie schüttelt tränenerstickt den Kopf. Und darf direkt danach den Gerichtssaal verlassen.

Von Stefan Schmidt

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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