Mediatorin Petra Fraaß hilft beiden Parteien

Kommunikation statt Strafe: Klärende Gespräche beim Täter-Opfer-Ausgleich

Gardelegen. Ein Mädchen und ein Junge besuchen dieselbe Klasse in einer hiesigen Bildungseinrichtung. Dem Mädchen gefällt der schöne Kugelschreiber ihres Klassenkameraden. Den muss sie unbedingt haben. Sie nimmt ihn sich, was dem Jungen natürlich gar nicht gefällt.

Petra Fraaß ist beim Täter-Opfer-Ausgleich Ansprechpartnerin für beide Parteien. Sie moderiert den Weg der Annäherung mit dem Ziel einer ernstgemeinten Entschuldigung.

Er fordert den Kugelschreiber zurück. Sie motzt dagegen und provoziert ihn mit Worten. Daraufhin beleidigt er sie mit „dumme, dicke Planschkuh“, was sie total ausrasten lässt. Sie ärgert sich darüber derart, dass sie enorme Kräfte entwickelt, ihn an die Wand drückt und sich auf ihn fallen lässt. Die Lehrerin kann die beiden Streithähne zwar trennen. Dennoch hagelt es nun gegenseitige Strafanzeigen wegen Körperverletzung (gegen sie) und Beleidigung (gegen ihn), die beide vor Gericht bringen würden. Doch es gibt auch in diesem Beispiel aus dem realen Leben, in dem beide Täter wie auch Opfer sind, noch eine Chance, die Strafverfahren zu vermeiden – und zwar durch den außergerichtlichen Täter-Opfer-Ausgleich. Sein Ziel: Kommunikation statt Strafe.

Diese Konflikt- und Schlichtungsberatung für Jugendliche und Erwachsene im Altmarkkreis Salzwedel, von denen viele nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt, wird seit 1994 vom Gardelegener Jugendförderungszentrum (JFZ) angeboten, das Träger dieses Projektes ist. Es wird für die Jugendlichen vom Altmarkkreis Salzwedel und für die Erwachsenen mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert.

Seit Juni 2008 ist die Sozialpädagogin und Mediatorin Petra Fraaß für die Vermittlungsstelle zuständig. Sie arbeitet eng mit den Gerichten, der Staatsanwaltschaft und der Polizei zusammen, die einen Täter-Opfer-Ausgleich anregen oder auferlegen können. Die Anregung dazu kann aber auch von der Jugendgerichtshilfe oder von Anwälten erfolgen. Es besteht zudem die Möglichkeit, sich als Täter oder Opfer selbst zu melden, um einen bestehenden Konflikt zu schlichten.

108 Fälle hat Petra Fraaß im vergangenen Jahr bearbeitet und betreut, von denen sie 90 – das sind rund 80 Prozent – erfolgreich geschlichtet hat. Das heißt: Täter und Opfer haben sich beim sogenannten Ausgleichsgespräch ausgesprochen, der Täter hat sein Unrecht eingesehen, Verantwortung für sein Handeln übernommen, sich für seine Tat entschuldigt und eine Wiedergutmachung, wie beispielsweise Rückgabe von Sachen, Schadensersatz oder Schmerzensgeld oder aber ein kleines Geschenk wie Blumen, Pralinen oder einen Kinogutschein, angeboten. Das zeigt den Opfern, dass der andere es wirklich ernst meint und seine Tat aufrichtig bedauert.

In einem Fall von zwei Frauen, die sich über Nichtigkeiten gezankt haben und eine handgreiflich wurde, hat die Täterin dem Opfer nach dem klärenden Gespräch eine Tafel Schokolade geschenkt. Und diese hat sich derart darüber gefreut, dass das Petra Fraaß noch gut in Erinnerung geblieben ist. Denn eigentlich handelte es nur um eine kleine Aufmerksamkeit, die große Wirkung hatte.

Zum Ausgleichsgespräch – geleitet und gelenkt von Petra Fraaß – kommt es aber erst beim dritten Schritt. Es findet immer auf neutralem Boden statt. Zunächst aber spricht die Mediatorin mit jeder Partei, sprich Opfer und Täter, allein, damit diese ihre Sichtweise schildern kann. Grundvoraussetzung für die Vorgespräche ist: Die Bereitschaft dafür muss bei jeder Konfliktpartei vorhanden sein. Denn ein Täter-Opfer-Ausgleich ist immer freiwillig. Diese Vorgespräche können in ihrem Büro im Gardelegener JFZ am Tannenweg 17, in Salzwedel in den Räumen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) oder aber, wenn jemand nicht mehr so mobil ist, bei demjenigen Zuhause oder einem geeignetem Objekt im Ort stattfinden. War das Ausgleichsgespräch und damit die Schlichtung erfolgreich, meldet Petra Fraaß das an die entsprechenden Behörden mit einer Einschätzung von ihrer Seite weiter, so dass es manchmal gar nicht erst zur Anklage und zum Prozess kommt.

Ein Täter-Opfer-Ausgleich kann aber auch nach einem Prozess erfolgen. Denn auch wenn der Täter verurteilt wurde, fühlt sich das Opfer nach der Verhandlung oft allein gelassen und hat Redebedarf, weiß Petra Fraaß. Keiner kümmert sich um dessen Befindlichkeiten. Ihnen versucht die Mediatorin ebenso zu helfen, wenn sie angesprochen wird, wie Tätern, die vom schlechten Gewissen gepiesackt werden. Viermal schreibt sie die jeweilige andere Partei an, um einen Täter-Opfer-Ausgleich in Gang zu bringen, der aber auch noch nach den Vorgesprächen noch platzen kann. 18 mal war das im vergangenen Jahr der Fall.

In dem Beispiel vom Beginn war der Täter-Opfer-Ausgleich aber erfolgreich. Das Mädchen und der Junge haben sich nicht nur ausgesöhnt. Sie haben auch eine Verhaltensvereinbarung über ihre Umgangsformen miteinander getroffen. „Bis heute habe ich von beiden nichts mehr gehört“, freut sich Petra Fraaß.

Wer ein entsprechendes Anliegen hat, erreicht sie in ihrem Büro im Gardelegener JFZ am Tannenweg 17, Telefon (03907) 801842, Fax (03907) 801828, Mail: fraass@jfz-ga.de.

Von Elke Weisbach

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