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Gardelegen: Mann wegen Besitz von Kinderpornos zu Bewährungsstrafe verurteilt

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Von: Stefan Schmidt

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Gerichtsgebäude von außen
Vor dem Gardelegener Amtsgericht ging es um Kinderpornografie © Stefan Schmidt

Der Angeklagte hatte weit mehr als 200 kinderpornografische Videos und Fotos heruntergeladen.

Gardelegen – Als Richter muss man auch Dinge tun, die einen anwidern. So wie Axel Bormann, Richter am Gardelegener Amtsgericht. Am Mittwoch saß ein Mann aus der Einheitsgemeinde Gardelegen vor ihm, der wegen „Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornografischer Inhalte“ angeklagt war. Im Vorfeld der Verhandlung hatte sich Axel Bormann die bei einer Wohnungsdurchsuchung am 20. Mai 2020 sichergestellten Videos und Fotos anschauen müssen, um zu entscheiden, ob der Mann auch wirklich angeklagt wird. „Nachdem ich 30 Kinder gesehen hatte“, so erklärte er im Gerichtssaal, „reichte mir das dann schon“.

Bei der Durchsuchung entdeckten die Polizisten nicht weniger als 235 Videos und Fotos, gespeichert auf einer Festplatte, einer externen Festplatte und auf dem Handy des Angeklagten. Darüber hinaus hatte er noch, entdeckt am 11. September 2019, 23 weitere Videos heruntergeladen. Unter anderem mit Jungs, die nackt auf einer Wiese liegen und bei eindeutigen Handlungen gefilmt und fotografiert wurden. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft handelte es sich dabei auch um Kinderpornografie: Einige der Beteiligten waren „acht bis zehn Jahre“ jung, andere waren geschätzt kaum älter als 14 Lenze.

Richter Axel Bormann wollte wissen, warum der Angeklagte die Videos und Filme heruntergeladen habe. Doch der verweigerte zuerst die Aussage: „Ich sage nichts“ – was als Beschuldigter sein gutes Recht ist. Außerdem wollte der Angeklagte, dass die Öffentlichkeit während des Prozesses ausgeschlossen wird. Das sahen Richter und Staatsanwaltschaft aber anders: Es gehe die Öffentlichkeit sehr wohl etwas an, was da verhandelt werde, lautete ihr Argument.

Die Konsequenz des anfänglichen Schweigens des Angeklagten: „Dann lasse ich hier im Gerichtssaal eine Leinwand aufstellen und dann schauen wir uns alles an: Jedes Video, jedes Foto“, kündigte der Richter an. Trockener Kommentar des Angeklagten: „Das könnte lange dauern.“ Dann redete Axel Bormann ihm ins Gewissen: Sei er nicht geständig, dann könnte er im Gefängnis landen – wo er schon zweimal einsaß, wegen anderer Delikte. Insgesamt las der Richter neun Vorstrafen vor. Kinderpornografie war bisher jedoch nicht darunter.

Die Ankündigung des Richters sorgte für ein spontanes Umdenken beim Angeklagten: Er gab den Besitz der Videos und Fotos zu. Er habe das alles „wahllos“ aus dem Internet hochgeladen. Beim Blick auf einige der Fotos drehte sich die Staatsanwältin angewidert um. Kommentar des Richters: „...und ich musste mir den ganzen Sch... angucken.“

Er habe, so erklärte der Angeklagte, nicht gewusst, dass es sich um Kinder handele. Auf „16 bis 18 Jahre“ habe er die Beteiligten geschätzt, beteuerte er.

Der Angeklagte ist Mini-Jobber, wurde vor 15 Jahren überfallen, „es war versuchter Totschlag“. Er lag im Koma, ist seitdem nahezu arbeitsunfähig, hat „jede Menge“ Schulden. Und lebte bis zum Tag der Wohnungsdurchsuchung „in einer Beziehung“ – seitdem nicht mehr. Aktuell „schwanke ich zwischen Sozialamt und Job-Center hin und her“.

Die Staatsanwältin plädierte für eine neunmonatige Freiheitsstrafe, für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Auf eine Geldstrafe wolle sie verzichten – beim Angeklagten wäre ohnehin kaum etwas zu holen. Richter Axel Bormann folgte bei der Urteilsverkündung ihrem Antrag, so dass der Mann nicht ins Gefängnis muss, sofern er die nächsten drei Jahre straffrei bleibt. Ansonsten käme er dann doch noch in den Knast. Und in einer Justizvollzugsanstalt, so warnte ihn der Richter, „steht Kinderpornografie ganz unten in der Hierarchie“ der Häftlinge. Was der nun Verurteilte getan habe, sei „eine ziemliche Schweinerei“ gewesen. Er habe das Material zwar nicht weiterverbreitet oder damit Handel betrieben. Aber „ohne Sie als Konsumenten gäbe es diese Videos erst gar nicht.“

Der Angeklagte akzeptierte das Urteil und beteuerte: „Seit der Durchsuchung lasse ich die Finger von diesen Seiten“. Dazu noch die Ankündigung: „Das wird nie wieder passieren.“

Inwiefern die Aussagen des nun Verurteilten ernst gemeint oder „nur Lippenbekenntnisse“ seien, das könne er „nicht beurteilen“, erklärte der Richter zum Abschluss des Prozesses.

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