Kahlschlag auf mehr als 80 Hektar

Gerhard Henke, der Leiter des Staatlichen Betreuungsforstamtes Letzlingen.

Letzlingen - Von Stefan Schmidt. Ihr Name ist lang. Und die Folgen ihres Daseins sind desaströs. Die Kiefernbuschhornblattwespe hat sich in den vergangenen Monaten durch den Kiefernbestand im Bereich des Forstamtes Letzlingen gefressen. Mit schmerzhaften Folgen für die Natur – und finanziellen Auswirkungen für die Waldbesitzer.

Gerhard Henke ist seit 30 Jahren in der Forstwirtschaft tätig. „Aber so einen Kahlfraß habe ich noch nicht erlebt“, sagt der Forstoberrat und Leiter des Staatlichen Betreuungsforstamtes Letzlingen. Er steht an einer Waldfläche am Potzehner Stadtweg, zwischen Ipse und Potzehne gelegen. Oder besser gesagt: Er steht an einer ehemaligen Waldfläche. Denn man kann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen – vor lauter gerodeten Bäumen. Etwa zwölf Hektar ist die Lichtung groß. Und sie wird wohl noch anwachsen. Am Waldesrand stehen Kiefern, die kaum noch grüne Blätter tragen. Und die wohl auch noch dem Kahlschlag zum Opfer fallen werden.

Schuld an dieser Misere ist die Kiefernbuschhornblattwespe. Der kleine Nager ist ein Schädling, der gerne an Kiefern knabbert. Doch in diesem Jahr ist es besonders schlimm. Denn anstelle von zwei Cocons pro Quadratmeter, wie im Winter 2008/09 zu beobachten war, vermehrte sich der Schädling im abgelaufenen Winter explosionsartig. Bis zu 300 Cocons pro Quadratmeter waren die Folge. „Ein Desaster für die Natur“, so Gerhard Henke. Ausschlaggebend für diese sprunghafte Vermehrung war die Tatsache, dass die Kiefernbuschhornblattwespe im Jahr 2009 eine zweite Generation bildete. Doch deren Cocons befanden sich auf den Bäumen und nicht mehr, wie bei der ersten Generation, auf dem Humusboden. Und konnten folglich nicht erfasst werden.

Doch das allein war es nicht. Hinzu komme, so Henke, der zum Teil „ärmliche Wald.“ Soll heißen: Durch den sandigen Boden, verbunden mit der Wärme dieses Sommers und der wochenlangen Trockenheit, sind die Kiefern nicht stabil und robust genug, um sich des massenhaften Fraß-Angriffs zu erwehren. Und: Neu ist ein besonderer Schädlingspilz, der Diplodia-Pilz, der mit Vorliebe jene Kiefern befällt, die ohnehin schon durch den Schädlingsbefall geschwächt sind.

Die Folgen: Rund 30 Hektar Waldfläche von Waldbesitzern, die vom Forstamt Letzlingen betreut werden, müssen vernichtet werden oder sind bereits abgeholzt. Und das Ende der Fahnenstange, so befürchtet der Forstoberrat, ist noch nicht erreicht. Weitere 50 Hektar Wald auf Flächen, die nicht vom Forstamt betreut werden – vor allem im Bereich Kenzendorf südlich von Gardelegen – fallen ebenfalls dem Kahlschlag zum Opfer. „Anders geht es nicht“, bedauert Gerhard Henke.

Für die Waldbesitzer hat dies finanzielle Auswirkungen. Zwar steigt der Holzverkauf durch die gerodeten Flächen kurzfristig an – und somit auch die Einnahmen. Aber damit hat es sich dann erstmal auch. Denn die gerodeten Flächen müssen aufgeforstet werden. Bis diese neuen Bäume Geld in Form von Holzeinschlag einbringen, „dauert es mindestens 25 Jahre“, schätzt der Fachmann

Kleiner Trost für die gebeutelten Waldbesitzer: Die Kiefernbuschhornblattwespe hat sich erstmal überlebt. Rund 72 Prozent der Cocons, so hat das Forstamt herausgefunden, wird keine neuen Schädlinge hervorbringen. Denn die Kiefernbuschhornblattwespe hat sich quasi selbst aufgefressen: Der Kiefernbestand und somit das Grundnahrungsmittel fiel dem Hunger der Vorgänger-Generationen zum Opfer. Somit ist die kommende Schädlingsgeneration geschwächt, die Population wird im nächsten Jahr wieder auf ein Normalmaß zurecht gestutzt. „Die Massenvermehrung ist zusammengebrochen“, schätzt Gerhard Henke ein.

Den nun gerodeten Kiefernbeständen hilft dies aber auch nicht mehr.

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