700-jährige Biertradition der Stadt wird fortgeführt

In Gardelegen wird wieder Bier gebraut

Steffen Kleine füllt in die Maischepfanne geschrotetes Malz.
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Steffen Kleine setzte das erste Bier an.
  • Ina Tschakyrow
    vonIna Tschakyrow
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Seit Dienstag wird in Gardelegen nach fast zehn Jahren wieder Bier hergestellt. Das erste Bier wird in sechs Wochen fertig sein.

Gardelegen – Kurz nach 9 Uhr füllten Lars Vogel und Steffen Kleine das geschrotete Malz aus den Säcken in die Maischepfanne. Nach weiteren Brauvorgängen wird daraus Bier. Seit Dienstag wird in Gardelegen nach fast zehn Jahren wieder Bier hergestellt und damit die 700-jährige Brautradition der Stadt fortgeführt.

Das Bier wird von Steffen Kleine handwerklich hergestellt. „Das Brauen beginnt mit der Frage, wie das Bier schmecken soll“, sagt Lars Vogel, der mit seinem Bruder Jens Vogel Gesellschafter der Gardelegener Braugesellschaft ist. Auch beginne es beispielsweise mit der Frage, welche Farbwerte das Bier haben soll. Das in Gardelegen hergestellte Bier wird ähnlich wie das „1356“ schmecken, das derzeit noch in einer Tangermünder Brauerei hergestellt wird. Weil es in Tangermünde zum Beispiel anderes Trinkwasser gibt als in Gardelegen, ändert sich der Geschmack. Aber eventuell nur gering, „den Unterschied wird nur ein Sommelier herausschmecken“, sagt Steffen Kleine. Das Bier schmeckt trotzdem noch wie das helle Garley Bier, das in der Hansestadt bis zur politischen Wende in Deutschland produziert wurde. Es ist ein Vollbier, hell und nicht so hopfig, schmackhaft und malzig, erklärt Lars Vogel.

Pläne zum Bierbrauen seit 2019

Erstmals gab es das Bier wieder zum Hansefest 2019. „Die Stadt wollte ein Hansefest-Bier“, erzählt Lars Vogel, das wie das einstige Bier schmecken sollte. Gemeinsam mit Jens Vogel und einer Brauerei in Tangermünde wurde ein Bier entwickelt. Er habe sogar mit dem Brauer gesprochen, der damals das Garley Bier hergestellt hat, erzählt Lars Vogel. Der „Hanse-Urtrunk 1356“ kam gut an. „Das lief so gut, dass wir weiter machen wollten.“ Das Bier wurde also zunächst in Tangermünde gebraut. Im September und Oktober 2019 begannen Lars und Jens Vogel mit der Umsetzung ihres Vorhabens, das Bier wieder in Gardelegen zu produzieren. Es wurde unter anderem nach einer Halle gesucht und die Finanzierung geklärt. „Seit Januar 2020 sind wir nun hier“, erzählt Lars Vogel im Vorraum der Brauerei Am Lindenberg 8 in Gardelegen. Dort findet seitdem ein Direktverkauf statt. Die Vorbereitungen für das Brauen wurden begonnen, unter anderem wurde nach einer Anlage gesucht, die seit der vergangenen Woche aufgebaut wird.

Steffen Kleine wurde von den Brüdern angestellt. Er ist ausgebildeter Brauer und Mälzer. Weil „das einfache Pils nicht ausreicht und reges Interesse an der Biervielfalt besteht“, sagt er lachend. Er habe sich einst immer mehr mit dem Thema beschäftigt. Bierbrauen habe auch viel mit Naturwissenschaften zu tun „und das hat mir auch schon immer Spaß gemacht“. Nach seinem Abitur hat er eine Ausbildung begonnen. Drei Jahre hat Steffen Kleine den Beruf in Frankfurt am Main in der Binding-Brauerei gelernt und sich bei der Gardelegener Braugesellschaft beworben. Seit September arbeitet er hier. Das Brauen sollte schon im November beginnen, aber aus verschiedenen Gründen wurde es verschoben.

Nach sechs Wochen ist das Bier fertig

Nun war es am Dienstag soweit. Das erste Bier wird in etwa sechs Wochen fertig sein. Steffen Kleine erklärt, dass das Malz zunächst geschrotet wird. Das kommt ins Sudhaus. In der Maischpfanne wird eingemaischt und die Maische hergestellt. Die Stärke, komplexe Kohlenhydrate, werden in Einfach- und Zweifach-Zucker umgewandelt. Im Läuterbottich werden die festen Bestandteile, sogenannte Treber, von den flüssigen Bestandteilen, der Würze, getrennt. Die Würze kommt in ein Kochgefäß, wird zum Kochen gebracht, sodass sich die Bitterstoffe lösen und der Hopfen hinzukommen kann. Danach geht es in den Whirlpool, der die Eiweiße, die beim Kochen entstanden sind, aufgrund der Zentrifugalkraft wieder herausholt. Über den Plattenkühler, der die Würze auf die Gärtemperatur kühlt, geht es weiter in den Gärtank. Hier wird die Hefe hinzugegeben, sodass schließlich Alkohol und Kohlenstoffdioxid entstehen. Im Gärtank bleibt alles eine Woche. Danach ist das Bier eigentlich fertig. Damit es auch trinkbar ist, muss es vier bis sechs Wochen bei um die 0 Grad Celsius gelagert werden. Die Gärungsnebenprodukte werden dabei abgebaut und dadurch gibt es nach dem Biertrinken keine Kopfschmerzen. Dann kann das Bier abgefüllt oder noch filtriert werden. Beim Filtrieren wird die Hefe aus dem Bier entfernt, es schmeckt anders und ist klar.

Drei verschiedene Biersorten

Lars Vogel plant, dass es ein Pils geben soll, das ähnlich dem bis 2011 gebrauten schmecken soll, ein unbehandeltes, naturtrübes Bier, das „1365“ und saisonbedingt eine weitere Sorte, zum Beispiel ein Bockbier. Monatlich werden 3000 Liter Bier hergestellt. Die Kunden können Bier in Flaschen kaufen, diese auch selbst reinigen und sich wieder auffüllen lassen. Es gibt 1 und 2 Liter Flaschen, 5, 10, 20, 30 und 50 Liter Fässer. Eventuell auch 0,33 Liter Flaschen, stellt sich Lars Vogel vor. Künftig sind auch Brauseminare und Führungen mit Verkostung geplant, „das kommt alles nach und nach“, freut sich Lars Vogel.

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