Im Gericht: Zeugen sagen aus

Zeugin zu Überfall auf 85-Jährige am Gardelegener Wall: „Ich dachte, die Frau wäre tot“

Am Wall in Gardelegen kam es im vergangenen Jahr zu einer Straftat.
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Am Gardelegener Wall wurde eine Seniorin überfallen.
  • Ina Tschakyrow
    vonIna Tschakyrow
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Die Verhandlung um den 27-Jährigen aus Gardelegen ging am Mittwoch am Amtsgericht weiter. Er soll mehrere Straftaten begangen haben, unter anderem einen Überfall auf eine 85-Jährige.

Gardelegen – Die Verhandlung im Gardelegener Amtsgericht um den 27-Jährigen, der im vergangenen Jahr in Gardelegen und Kalbe mehrere Straftaten begangen haben soll (AZ berichtete mehrfach) und schließlich in Salzwedel festgenommen wurde, ging weiter. Am Mittwoch wurde vor dem Schöffengericht der mögliche Überfall auf eine damals 85-jährige Frau am Gardelegener Wall mit mehreren Zeugen besprochen.

Eine 59-Jährige sagte dazu aus, dass sie mit dem Fahrrad den Wall entlang gefahren ist. Nachdem sie über den Ampelüberweg am Stendaler Tor ging, fuhr sie einige Meter in Richtung Bürgerpark, als sie etwas liegen sah, das sie aber nicht erkennen konnte, weil sie kurzsichtig ist. Nachdem die Zeugin vom Fahrrad abstieg, „sah ich dort eine Frau liegen“, die aus der Nase blutete. „Ich habe sie geschüttelt und ‘Hallo, hallo’ gerufen“. Es gab aber keine Reaktion. Sie dachte, dass „die Frau tot wäre, aber sie hatte noch einen leichten Puls“. Die Zeugin legte die Seniorin in die stabile Seitenlage, gab einen Notruf ab und wartete auf die Rettungskräfte. Zum Unfallort wurden diese von einem Rollstuhlfahrer gebracht, erzählte die Zeugin, der nach ihr eintraf. Die 85-Jährige wurde in den Rettungswagen gebracht und „ich habe mich kurz gewundert, wie alles dalag“, erzählte die Zeugin. Eine Brille lag weit weg von der Seniorin, auch das Fahrrad befand sich etwa sechs Meter entfernt von ihr. „Die Frau hatte nichts dabei“, so die Zeugin, „es lagen nur die Brille und das Fahrrad da“.

Verletzte Seniorin wurde vermisst

Die zweite Zeugin, eine 78-Jährige, sagte vor dem Schöffengericht aus, dass sie die 85-Jährige den ganzen Tag nicht gesehen habe, was unüblich sei. Am Tag nach dem Überfall, einem Mittwoch, gehe die Seniorin immer zum Spielenachmittag in der Begegnungsstätte der Volkssolidarität, so die Zeugin, aber „sie kam nicht zum Spielen“ und hatte sich auch nicht entschuldigt. Sie erfuhr, dass der Nachbar der 85-Jährigen von der Polizei kontaktiert wurde und nach Angehörigen befragt wurde, weswegen die 78-jährige Zeugin gemeinsam mit Anderen die Krankenhäuser abtelefonierte. In einem Magdeburger Krankenhaus habe eine Schwester am Telefon den Namen der 85-Jährigen genannt. Daraufhin ist die Zeugin mit einem Generalschlüssel in die Wohnung der Seniorin und habe die Polizei gerufen. „Es war alles verwüstet.“ Papiere und Kontoauszüge lagen „kreuz und quer“, die Schubladen waren ausgeräumt und alles auf dem Boden verteilt.

Angeklagter gab zu, aus Wohnung Bargeld und Wertsachen geklaut zu haben

Der Angeklagte sagte aus, dass er in der Wohnung war. Er war zuvor bei einem Bekannten und habe unter anderem Crystal Meth und Cannabis geraucht sowie ein bis zwei Gramm Amphetamine eingenommen. Wenn er Drogen nehme, „gibt es kein Tag und Nacht“. Dann kam der Mittäter, den der Gardelegener zur eigenen Sicherheit nicht namentlich benennen wollte, und überredete ihn später auf dem Hin- und Rückweg zu einer Tankstelle, in die Wohnung einzubrechen. Der Angeklagte verneinte zunächst, weil er schon mehrfach in Haft war und „wenn sie mich erwischen, ich wieder für ein, zwei Jahre in Haft gehe“, so der 27-Jährige. Der Mittäter sagte damals, dass er sicher sei, dass niemand in der Wohnung sein wird. Der Mittäter hatte einen einzelnen Schlüssel und gemeinsam gingen die Männer in die Wohnung. An das, was er in der Wohnung getan habe, könne er sich nur schlecht erinnern, so der Angeklagte. Er habe die Wohnung nach Bargeld und Wertgegenständen durchsucht. Er wisse aber nicht mehr, was er mitgenommen hat. Der Mittäter ging laut Aussage wieder, und muss ein rotes Auto geholt haben, das vor der Wohnung stand, während der Angeklagte in der Wohnung war, das Diebesgut in einem Koffer verstaute und in das rote Auto legte. In der Nacht habe er nach Aufforderung des Mittäters Geld vom Konto der 85-Jährigen an einem Geldautomaten abgehoben. Die EC-Karte der 85-Jährigen sowie den Pin habe er vom Mittäter bekommen, gab zuvor aber an, den Pin in der Wohnung gefunden zu haben. Insgesamt dreimal 1000 Euro, zweimal konnte er wegen der Überschreitung des Tageslimits kein Geld abheben. Von der ersten Abhebung erhielt der Mittäter 800 Euro und der Angeklagte 200 Euro. Auf Nachfrage der Oberstaatsanwältin, ob es eine Abmachung zur Aufteilung des Geldes gab, vereinte der 27-Jährige mehrfach und gab an, „froh zu sein, überhaupt etwas zu bekommen“. In dieser Zeit habe er bereits versucht, eine Therapie in Hamburg zu beginnen, weswegen der Angeklagte später nach Salzwedel fuhr, um sich von einer Bekannten zu verabschieden. Dort ging er aber, weil die Bekannte keine Zeit hatte, mit dem Mittäter in eine Spielothek, bis dieser ging und der 27-Jährige ihn nicht mehr erreichen konnte. „Er hat mich bei WhatsApp geblockt.“ Den Autoschlüssel vom roten Fahrzeug ließ er liegen, sodass der Angeklagte diesen mitnahm, zum Auto ging und dort festgenommen wurde.

Angeklagte entwischte Polizisten

Dazu wurde als weiterer Zeuge ein Polizist geladen, der, nachdem die Fahndung des Angeklagten bekannt wurde und das rote Auto in Salzwedel aufgefunden wurde, zunächst am Auto in ziviler Kleidung wartete. Als der Angeklagte zum Auto kam, ging er auf ihn zu, zeigte seinen Dienstausweis und sagte: „Schönen guten Tag, hier ist die Pol...“ – „Mehr konnte ich nicht sagen, weil er losrannte“, so der Polizist. Beim Laufen habe sich der 27-Jährige in die Tasche gefasst, der Polizist habe ihn mehrfach zum Stehenbleiben aufgefordert, gesagt, dass er von der Polizei ist – der Angeklagte gab an, den Mann trotzdem nicht als Polizisten erkannt zu haben – und schließlich seine Dienstwaffe gezogen, die er wegen eines Defekts aber nicht wieder holstern konnte. Der Mann blieb schließlich stehen, drehte sich um und wollte erneut in die Tasche greifen, weswegen der Polizist ihn gegen einen Pkw schob, während der Angeklagte zuschlagen wollte, was nicht gelang, und den Polizisten dann mit dem Finger am Auge verletzte. Der 27-Jährige rannte wieder los, der Polizist hinterher, während er seine Waffe holsterte, der Angeklagte auf dem Boden ausrutschte, liegen blieb und sich festnehmen ließ, so der Polizist.

Nach seiner Aussage waren vier weitere Zeugen zu hören, die Bekannte des Angeklagten waren und von der Polizei zur Verhandlung gebracht wurden, weil diese nicht zur Vorladung kamen. Einer der Zeugen sagte aus, dass er von „Überfällen auf alte Omis“ gehört habe, die der Angeklagte begangen haben soll. Er habe zudem bei einem Besuch eine Damenhandtasche bei sich gehabt, die der Angeklagte verschwinden lassen wollte.

85-Jährige kann wegen emotionaler Belastung nicht aussagen

Die letzte Zeugin am Verhandlungstag war die Tochter der überfallenen 85-jährigen Frau. Laut eines ärztlichen Attestes ist die Seniorin nicht verhandlungsfähig. Sie habe keine Erinnerungen, könne keine Aussagen machen und eine Aussage vor Gericht würde die 85-Jährige psychisch sehr belasten. Die Tochter sagte, dass eine Aussage ihrer Mutter emotional nicht zumutbar wäre. Sie könne sich nicht an den Überfall erinnern bzw. verdränge diesen. Ihre Mutter wisse, dass der Überfall an einem Vormittag im Hochsommer war, sie ihre Handtasche wie immer um den Fahrradsattel befestigt hatte und in der Tasche Schlüssel, Papiere und Geldbörse waren, die bis heute fehlen, so die Tochter. Sie waren in der Wohnung, aber die Mutter konnte nicht sagen, was fehlt und was nicht, weil sie damals nicht alles durchschauen konnte. Die Tochter erzählte, dass ihre Mutter seit dem Überfall, nachdem sie mehrere Wochen unter anderem mit schweren Verletzungen am Kopf im Krankenhaus behandelt wurde, in einer betreuten Einrichtung wohnt, „weil sie nicht allein leben konnte und wollte“. Ihre Mutter sei „innerlich wütend, dass sich ihr Leben auf das Heim beschränkt und sie sich mit einem Rollator fortbewegen muss“. Die Verhandlung wird am 22. März fortgesetzt.

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