Hoffmanns Erzählungen: Gifhorns früherer Stadtdirektor über Partnerschafts-Beginn mit Gardelegen

„Ich war ein Kommunistenfresser“

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Dr. Gert Hoffmann: „Die Treuhand war nach der Wende das Zentrum der Macht im Osten.“

Gardelegen. Es war „ein grauer und kalter Wintertag“, erinnert sich der heute 72-Jährige. Mit Ehefrau und den beiden Kindern ging es in den Osten. Genauer: Über den Grenzübergang bei Zicherie / Böckwitz von Gifhorn aus nach Gardelegen.

Das Ziel: die Wohnung von Peter Kwandt. Der war damals Bürgermeister in Gardelegen – noch. Kurz zuvor hatte der „SED-Funktionär“, wie der Referent erklärte, vom Runden Tisch in Gardelegen den Auftrag erhalten, mit Gifhorn Kontakt aufzunehmen. Gifhorns damaliger Bürgermeister Manfred Birth hatte bereits 1988 versucht, eine deutsch-deutsche Städtepartnerschaft mit Gardelegen ins Leben zu rufen – die DDR-Funktionäre blockten kalt ab.

In der engen Wohnstube von Peter Kwandt kam es nun am 28. Dezember 1989 zur ersten Begegnung zwischen ihm und dem Gifhorner Stadtdirektor. Der hieß Dr. Gert Hoffmann – und las am Freitagabend in der Gardelegener Bibliothek aus seinen Erinnerungen.

Etwa 30 Gäste, darunter viele jetzige und ehemalige Politiker aus Gardelegen, kamen am Freitagabend in die Bibliothek, um dem früheren Gifhorner Stadtdirektor zuzuhören.

Den Schwerpunkt setzte Hoffmann, der von 1991 bis 1994 auch Regierungspräsident in Dessau und von 2001 bis zu seiner Pensionierung 2014 Oberbürgermeister in Braunschweig war, bei seiner Lesung in Gardelegen auf die Nach-Wendezeit und die Kontakte zur Hansestadt.

Kwandt habe bei diesem ersten Treffen, so Hoffmanns Erinnerung, „unter großem Druck“ angesichts der politischen Umwälzungen gestanden. „Mir und wahrscheinlich auch ihm war klar, dass er nicht mehr lange Bürgermeister bleiben würde.“

Was stimmte: 1990 zog CDU-Mann Hartmut Krüger ins Rathaus ein. Kwandt blieb aber bis zu seiner Pensionierung Mitarbeiter in der Stadtverwaltung – gegen manche Widerstände. Eine Entscheidung, die Hoffmann auch heute noch richtig findet. Kwandt sei anfangs zwar „steif“ ihm gegenüber gewesen. „Aber er war vertrauenswürdig und fachlich kompetent.“

Kwandt, der im Publikum saß, hatte eine weitere Erinnerung an dieses erste Treffen, wie er erzählte: „Ich hatte den Eindruck, ihre Kinder hatten bei uns Platzangst.“ Das könne stimmen, so Hoffmanns Antwort: Die damals zwölfjährige Tochter habe befürchtet, die Familie ziehe sofort in den Osten, sie würde die Schule wechseln müssen und ihre Freunde verlieren. „Meiner Tochter war diese Begegnung recht unheimlich“, verbunden mit der damals „öden und farblosen“ Noch-DDR. „Die Welt schien hier stehengeblieben zu sein.“

„Habe mich immer als Patriot gesehen“

Die Städtepartnerschaft zwischen Gardelegen und Gifhorn kam und hält bis heute. Hoffmann, der als Stadtdirektor hauptamtlicher Chef der Gifhorner Stadtverwaltung war, half auf kurzem Dienstweg: Drei in Gifhorn pensionierte Amtsleiter halfen im Gardelegener Rathaus aus, ein VW wechselte als Verwaltungskarosse in den Osten, die Bibliothek – damals in Gardelegen noch auf drei Standorte verteilt – erhielt zahlreiche Bücher. Warum Hoffmann das alles tat? „Ich war von der deutschen Teilung immer geprägt“, bekannte der gebürtige Berliner. „Und ich habe mich immer als Patriot gesehen.“

Nicht nur das: Als Student war Gert Hoffmann Mitglied der NPD, trat dort aber bald aus und der CDU bei. Sein Buch, aus dem er vorlas, heißt deshalb auch „Von Irrwegen in die Verantwortung.“ „Ich war rechtsradikal“, bekennt er heute. Und: „Ich war ein Kommunistenfresser.“

Die Nach-Wende-Zeit vor allem als Regierungspräsident in Dessau sei „der wichtigste Teil in meinem Leben“ gewesen, „intensiv und politisch spannend.“ Die Treuhand – zum Regierungsbezirk Dessau gehörte damals auch das „Chemiedreieck“ um Bitterfeld – sei „nach der Wende das Zentrum der Macht im Osten“ gewesen. Aber die Arbeit sei auch hoch spannend gewesen. „Man konnte schnell und unbürokratisch entscheiden.“ Kurzum: „Man konnte machen, was man wollte.“

Ob alles richtig entschieden wurde, damals nach der Wende? „Es sind unter extremem Zeitdruck auch Fehler gemacht worden“, bekennt er. Dass die Treuhand beispielsweise mitunter den West-Konzernen lästige Konkurrenz im Osten durch Abwicklung vom Halse geschafft habe, dieser Vorwurf sei „wohl teilweise richtig“. Grundsätzlich gelte aber: „Die Grundweichenstellungen haben wir überwiegend richtig getroffen.“

Gardelegen beispielsweise sei heute nicht mehr „öde und farblos“, sondern eine „schöne alte Hansestadt.“

Von Stefan Schmidt

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