Zum Tod von Lucien Colonel: Letzter Überlebender des Feldscheunenmassakers

„Ich feiere immer zweimal Geburtstag, am 21. Juli 1925 und am 13. April 1945“

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Ingeborg Köhn (l.) stand in engem Kontakt Lucien Colonel und besuchte ihn und seine Frau Simone (r.) mit ihrem Mann (nicht im Bild) im Juli 2014. Mit dabei war auch Monique Dardel, deren Vater Louis Abel Allemandet Opfer des Feldscheunenmassakers wurde.

Von Torsten Haarseim vom Förderverein Feldscheune Gardelegen: „Ich feiere immer zweimal Geburtstag, am 21. Juli 1925 und am 13. April 1945. “ Das sagte Lucien Colonel im Film „Das Massaker von Gardelegen“ von Claus-Ivar Bolbrinker und Diana Gring.

In der Nacht von Freitag, 20. Januar, zu Sonnabend, 21. Januar, verstarb er in seiner französischen Heimat im Alter von 91 Jahren.

Champagner zum Geburtstag

Lucien Colonel, der viele Gespräche in den Schulen führte, erzählte den Schülern von seinen zwei Geburtstagen. „An beiden Tagen“ - so sagte er - „trinke ich immer Champagner. Egal wo ich bin. Es muss kein französischer sein, aber die Korken müssen knallen.“ Und dann fügte er an: „Ich bin aus dem Nichts gekommen, …aus der Hölle.“

Diese Hölle waren die deutschen Konzentrationslager. Colonel, 1925 in Paris geboren, schloss sich im Oktober 1942 als 17-Jähriger der Résistance an. Während einer illegalen Flugblattaktion in Grenoble wurde er am 11. November 1943 verhaftet. Über Compiègne wurde er nach Buchenwald ins Konzentrationslager verschleppt. Später wurde Lucien Colonel dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora im Südharz überstellt. Unter unmenschlichen Bedingungen mussten tausende KZ-Häftlinge Zwangsarbeit in den unterirdischen Produktionslagen des Hauptlagers sowie zahlreicher Außenlager und Außenkommandos leisten. Viele starben dabei. Lucien Colonel musste mit weiteren 300 männlichen Häftlingen im Außenlager Nüxei arbeiten, einem kleinen Lager in der Nähe von Wieda. Das Außenlager Nüxei gehörte, wie auch die Außenlager Osterhagen und Mackenrode, zur SS-Baubrigade III. Die Männer mussten schwerste Gleisbau-, Rodungs- und Erdarbeiten verrichten. Hungernd und frierend bauten sie an der sogenannten Helmetalbahn, einer Bahnlinie, die die Strecke Nordhausen-Ellrich-Osterhagen entlasten sollte, aber nie fertiggestellt wurde.

Das Lager Nüxei bestand aus zwei Häftlingsbaracken, einem Stacheldrahtzaun und vier Wachtürmen. In dieser grausamen, kleinen Welt verbrachte Colonel die letzten Monate des Krieges. Sein geschundener Körper war in dieser Zeit bis auf 36 Kilogramm Körpergewicht abgemagert. Im März 1945 kam er schließlich in die Krankenbaracke und konnte fortan kaum noch vom Krankenlager aufstehen.

Dann begannen die Todesmärsche. Das Außenlager Nüxei wurde am 6. April 1945 geräumt. Zu Fuß mussten sich die völlig ausgemergelten Häftlinge – unten ihnen Lucien Colonel – nach Wieda und später weiter bis nach Wernigerode schleppen. Hier wurden sie in Güterwaggon gepfercht und in Richtung Norden abtransportiert. Zwei Tage unvorstellbaren Grauens lagen vor ihnen. Im Film „Das Massaker von Gardelegen“ schilderte er die Zugfahrt:

Zugfahrt in Richtung Tod

„Es muss am Montagmorgen gewesen sein, als wir zusammengepfercht in überfüllte Viehwaggons gesteckt wurden. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Alles war in Hektik. Es wurden zwei furchtbare Tage und Nächte. Die meisten von uns hatten die entsetzlichsten Leiden der Deportation erlitten, monatelang, jahrelang, aber von allen waren diese zwei Tage die schlimmsten. Tagsüber ging es noch, aber nachts. Ich erinnere mich noch an die Nächte, die waren wirklich höllisch. Es gab Kämpfe, Sterbende, Röchelnde. Es gab kein Klo. Die Leute machten irgendwo hin. Es herrschte ein furchtbarer Gestank. Es gab unablässig Streitigkeiten und man tötete sich gegenseitig. Man versuchte einen Platz zu ergattern. Und wenn man einen Platz hatte, mit etwas Glück, war es unmöglich lange auf dem Platz zu bleiben. Wir waren nur noch Haut Knochen. Es war unerträglich. Es war unmöglich sich hinzusetzen. Diese beiden Nächte waren wirklich furchtbar. Tagsüber hielten wir oft an. Jedes Mal wenn wir anhielten, machten die SS-Wachen die Türen auf und dann wurde uns die ganze Tragödie, in der wir steckten, deutlich. Wir mussten die Leichen hinaustragen und auf den Bahndamm legen. Dann fuhr der Zug weiter…“

Flucht auf dem Todesmarsch

Der Zug mit den Häftlingen erreichte das Bahnhofsgelände in Letzlingen am 11. April 1945. In mehrere Kolonnen wurden die KZ-Häftlinge von den SS-Wachen weitergetrieben. Eine Gruppe von Häftlingen marschierte nach Mitternacht von Letzlingen aus in Richtung Gardelegen. Die Kolonne führte Wagen für die marschunfähigen Häftlinge mit. Zu dieser Gruppe gehörten unter anderem Lucien Colonel, André Giradi, Alain Durand-D. de Lapoyade und -auf einem der Wagen liegend- Jean (Louis) Mérand. Diese Gruppe erreichte die Remonte-Schule in Gardelegen am 12. April 1945 gegen 7 Uhr morgens. Auf dem Weg nach Gardelegen konnten einzelne Häftlinge der Gruppe in der Dunkelheit fliehen, so auch Lucien Colonel und Alain Durand-D. de Lapoyade. Colonel versteckte sich tagelang in den umliegenden Wäldern bis er in Burgstall von amerikanischen Soldaten gefunden wurde. Sein Martyrium hatte ein Ende. Unmittelbar danach erfuhr er vom Massaker in der Feldscheune Gardelegen und dem massenhaften Tod seiner Kameraden. Er war fassungslos. Seitdem ließ Lucien Colonel dieses Verbrechen nicht mehr los.

Immer wieder Rückkehr nach Gardelegen

Nach Gardelegen kehrte er mehrmals zurück, das erste Mal im Jahr 1965.

„Ich bin häufig nach Gardelegen zurückgekommen und diese Besuche waren sehr ergreifend. Als ich mitten auf dem Friedhof stand und an all den Grabstätten vorbeiging, da wurde mir klar, welch großes Glück ich hatte, dass ich noch am Leben bin.“

Fortan kämpfte Lucien gegen das Vergessen. Er hielt Vorträge in zahlreichen Schulen. Colonel bereiste die Orte des Schreckens und fotografierte die Hinterlassenschaften vieler Konzentrationslager, unter anderem Buchenwald, Mittelbau-Dora, Auschwitz, Majdanek, Ravensbrück und anderer Lager. Auch in Gardelegen fertigte er Fotographien an, die er in einer Ausstellung zusammenfasste. In zahlreichen Städten und an Schulen wurde diese Ausstellung mit 120 großen Fototafeln gezeigt. Im Jahr 2012 brachte er sein Buch „Hinter den Wachttürmen“ heraus, in dem das Massaker von Gardelegen in einem eigenem Kapitel geschildert wird.

Ein großes Herz hörte auf zu schlagen

Lucien Colonel, der „…am 13. April 1945 ein zweites Mal geboren wurde…“, hatte sein ganzes Leben dem Kampf gegen das Vergessen gewidmet. Mit großen Ehren wird er am heutigen Donnerstag, 26. Januar 2017, beigesetzt.

Ein großer Mann. Ein großes Herz hörte auf zu schlagen. Doch es ist nicht nur der Tod eines Mannes. Es beginnt jetzt eine neue Zeit, eine Zeit ohne Zeugen.

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