Gastkommentar

Reiner Haseloff „Holocaust von Gardelegen“

1996 erklärte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 hatten Truppen der Roten Armee das Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz befreit. Auschwitz steht für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte und einen menschheitsgeschichtlich einzigartigen Zivilisationsbruch.

Reiner Haseloff

Der deutsche Name der polnischen Kleinstadt hat sich für immer in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingeprägt. Der 27. Januar erinnert uns an die Millionen von Menschen, die aus politischen, religiösen und rassischen Gründen unter dem nationalsozialistischen Terrorregime gelitten haben und ermordet wurden. Unter ihnen waren Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Erinnerung wach zu halten und die Opfer nicht zu vergessen ist unsere staatsbürgerliche Pflicht.

Für unsere Generation ist der Frieden in Europa eine Selbstverständlichkeit. Jahrhundertelang war er das nicht. Erst eine der größten Katastrophen der Geschichte führte zum Umdenken. 1945 war Europa ein Trümmerfeld: moralisch und materiell. Mehr als 50 Millionen Menschen kamen im von Hitler entfesselten Zweiten Weltkrieg ums Leben. Der Nationalsozialismus war die radikalste Bankrotterklärung der Menschlichkeit. Die Inhumanität des Nationalsozialisten war so allgegenwärtig wie die Diktatur totalitär. Ein Ort auf der Landkarte des nationalsozialistischen Terrors war Gardelegen.

Im April 1945 war die Stadt Schauplatz eines grauenhaften Naziverbrechens. Das amerikanische „LIFE“-Magazin sprach vom „Holocaust von Gardelegen“. Ihm fielen mehr als 1000 KZ-Häftlinge zum Opfer – ihr Todesmarsch endete in der Isenschnibber Feldscheune. Insgesamt kamen in Gardelegen und im Kreisgebiet von Gardelegen kurz vor Kriegsende etwa 1500 Häftlinge während der Todesmärsche ums Leben. Unter ihnen waren 39 namentlich bekannte Franzosen.

Anlässlich meines Besuchs in unserer französischen Partnerregion Centre mit dem Zentrum Orléans im vergangenen Jahr habe ich eine französische Delegation nach Sachsen-Anhalt eingeladen. Gemeinsam mit unseren französischen Freunden gedenken wir am kommenden Sonntag in Gardelegen der Opfer.

Der 27. Januar ist auch ein Tag des Nachdenkens über unsere Geschichte. Die nationalsozialistischen Verbrechen stehen nicht außerhalb von Raum und Zeit. Sie haben sich vor 70 Jahren in unserer Mitte ereignet und sind ein Paradigma für den Verlust der Menschlichkeit. Heute muss keine gesellschaftliche Mehrheit mehr von der moralischen Notwendigkeit des Erinnerns überzeugt werden.

Verändern werden sich aber die Formen der Erinnerung. In einigen Jahren wird sich niemand mehr aus eigenem Erleben an diese schreckliche Zeit erinnern. Schon heute ist der Nationalsozialismus für die meisten Menschen Geschichte, keine erlebte Vergangenheit. Verblasst aber die Vergangenheit nicht allzu schnell, wenn sie nicht Teil des eigenen Erlebens war? Die Frage ist so berechtigt, wie die Antwort differenziert ausfallen muss: Ja, sie kann verblassen, und Nein, sie muss nicht verblassen.

Auschwitz darf nicht zu einer fernen Vergangenheit werden. Im Kontext der hochentwickelten europäischen Kultur war Auschwitz nicht ein Verbrechen unter vielen, die es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, sondern das schrecklichste und schändlichste: Über Auschwitz wächst kein Gras. Deshalb sind Gedenktage wie der 27. Januar so eminent wichtig. Deshalb sind authentische Gedenkorte unentbehrlich. Sie zeigen uns, wohin Hass, Rassismus und blinder Fanatismus führen. Sich daran zu erinnern ist ein moralisches Gebot. Kein Volk kann seine Vergangenheit ungeschehen machen.

Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen – was geschehen ist, ist geschehen – , aber die Zukunft ist offen. Und wie wir sie gestalten, liegt an uns.

Reiner Haseloff (CDU) ist Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt. 

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