Mit Rupert Kaiser als Alt-Bürgermeister Julius Beck

Historischer Wall-Rundgang in Gardelegen: Vollbusige Weiber und „Faule Grete“

Rupert Kaiser alias Julius Beck: Gardelegens Stadtführer verkörpert den einstigen Gardelegener Bürgermeister, der 42 Jahre lang im Rathaus saß.
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Rupert Kaiser alias Julius Beck: Gardelegens Stadtführer verkörpert den einstigen Gardelegener Bürgermeister, der 42 Jahre lang im Rathaus saß.

Gardelegen – Er hat aus Gardelegen das gemacht, was die Stadt heute ist. Während seiner Amtszeit wurde die Bahnlinie gebaut, gab es die Elektrizität, entstand der Wall rund um die Altstadt, wurde sogar die erste Ansichtskarte gedruckt.

Julius Beck, der auf dem Gardelegener Friedhof begraben liegt, hatte für all diese Errungenschaften zugegebenermaßen aber auch viel Zeit.

Denn nicht weniger als 42 Jahre lang, von 1881 an, war er der Bürgermeister der Stadt. Rupert Kaiser, Stadtführer und Mitarbeiter im städtischen Kulturamt, verkörpert seit 2011 eben diesen Julius Beck. Und führte am Sonnabendnachmittag bei brütend heißen 35 Grad einige neugierige Gardelegener über den Wall und erzählte nebenbei einige Anekdoten aus dem Leben des Julius Beck.

So über die ersten elf Linden, die Beck eigenhändig auf dem Wall pflanzte, der heute Bestandteil des Landes-„Gartenträume“-Projekts ist. Und über einen der bekanntesten Söhne der Stadt, Christoph August Tiedge, der rein optisch kein wirklich vorzeigbarer Herr gewesen sei: „Halb blind halb taub, kleinwüchsig und verwachsen“, also bucklig. Seine Verse erregten dennoch die Aufmerksamkeit einer gewissen Elisa von der Recke, einer weltläufigen Schriftstellerin, „eine Art It-Girl des 19. Jahrhunderts – nur schlauer“, wie Kaiser alias Beck („Ich gebe nur wieder – und schmücke auch mal aus“) erläuterte. Sie erkor ihn zu ihrer Reisebegleitung, beide liegen in Dresden nebeneinander begraben.

Oder über Theodor Fontane, den Julius Beck und seine Ehefrau Anna („Mein Kostgeldzersteuber“) drei Tage lang beköstigten, auf dass er Gardelegen in seinen Reisebeschreibungen positiv erwähne. Was Fontane nicht tat und Gardelegen stattdessen als „Drecksnest“ beschimpfte.

Am höchsten Punkt des Walles, am Kanonenberg südlich des Salzwedeler Tores, erzählte Kaiser über den Dreißigjährigen Krieg, den Gardelegen auch wegen der „Faulen Grete“ verloren habe, einer Kanone, die nur bedingt einsatzfähig gewesen sei. Volle zwei Stunden habe es gedauert, ehe der Lauf nach dem Abschuss einer Kanonenkugel wieder erkaltet und somit nutzbar gewesen sei – kein Wunder, so unkte Julius Beck, dass die Stadt eingenommen und verwüstet worden sei.

Zum Schluss noch ein Abstecher an den Stadtgraben, wo sieben Skulpturen die Wallanlage schmücken – oder verschandeln, was ganz im Auge des Betrachters liegt. Vollbusige Weiber und lüsterne Mannsbilder stehen auf der Rasenfläche – entstanden weit nach Becks Ableben, wie Rupert Kaiser fast schon erleichtert feststellte. Wenn Julius Beck auch für vieles, was das Gardelegener Stadtbild bis heute prägt, verantwortlich war – für die Skulpturen kann er nichts. VON STEFAN SCHMIDT

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