Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners

Das große Spritzen rund um Gardelegen: 5100 Bäume auf dem Plan

Mit einem lauten Fauchen verteilt die Spritzkanone den Wirkstoff auf den Eichen.
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Mit einem lauten Fauchen verteilt die Spritzkanone den Wirkstoff auf den Eichen.

Gardelegen – Juckreiz, schmerzende Hautausschläge, Atemnot – die Brennhaare des Eichenprozessionsspinners können richtig unangenehm werden. Die Verbreitung des Schmetterlings und vor allem seiner Raupen in den Gespinstnestern ist eine echte Plage für die Region.

Jetzt werden dagegen rund um Gardelegen schwere Geschütze aufgefahren: eine Spritzkanone an einem Unimog-Laster, der jede bekannte Eiche mit dem Wirkstoff Bacillus Thuringiensis eindeckt. Die Maschine fährt in den kommenden Tagen Baum für Baum mit einem lauten Fauchen ab.

Immer dabei ist Florian Kauer, Fachdienstleiter allgemeine Gefahrenabwehr in der Stadtverwaltung Gardelegen. Die Hansestadt habe den Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner vor fünf Jahren aufgenommen, berichtet er bei einem Pressetermin zum Start der Aktion in der Nähe der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe.

Genaue Buchführung: Florian Kauer von der Stadtverwaltung überwacht die auf sechs Tage angesetzte Bekämpfungsaktion.

„Wir haben in jedem der 48 Ortsteile befallene Bäume“, erklärt er. Schwerpunkte seien unter anderem in Schenkenhorst, im Naturschutzgebiet Drömling, Dannefeld, Köckte und Peckfitz. Für die chemische Bekämpfung auf den 632 Quadratkilometern der Einheitsgemeinde seien nun sechs Tage angesetzt.

Bei der Ausschreibung mit sechs Bietern hat sich die Firma SBK aus Osterburg durchgesetzt. „Nach ihrem dritten Entwicklungsstadium bilden die Larven ihre Brennhaare aus“, berichtet Schädlingsbekämpfungsmeister Jürgen Dietrich. Das sei dann üblicherweise Ende Mai der Fall. „Das hängt aber stark von der Witterung ab. Letztes Jahr war das viel früher“, berichtet der Fachmann. 2019 habe sich die Entwicklung aber „durch ein paar Kälteschocks ein bisschen nach hinten verschoben“.

Bis zu diesem dritten Stadium werden die Schädlinge chemisch bekämpft. „Danach ist nur noch das Absaugen der Nester möglich“, sagt Dietrich. Das Mittel habe erfahrungsgemäß einen Wirkungsgrad von 75 Prozent. „Das Wichtigste für den Erfolg ist aber, dass möglichst alle Bäume erfasst werden.“ Das sei oft nicht so leicht, bestätigt Kauer. „Das Problem ist, dass es mehrere Eigentümer gibt. Dieses Jahr haben aber auch viele Privatleute ihre Bäume gemeldet.“

Dank der Zuschüsse des Landes kann die Maßnahme nun stark ausgeweitet werden. Im vergangenen Jahr wurden in und um Gardelegen noch gut 1600 Eichen behandelt, 2019 hat Florian Kauer von der Stadtverwaltung 5100 Bäume auf seinem „Bekämpfungsplan“. Darin sind erstmalig alle öffentlichen Flächen enthalten, die aus den einzelnen Ortsteilen gemeldet werden. Private Eigentümer müssen das Spritzen selbst bezahlen. Sie könnten sich aber quasi an den städtischen Auftrag anhängen und damit von günstigeren Preisen profitieren, erläutert Florian Kauer.

„Wir wussten natürlich schon vor Jahren, dass wir Bedarf haben. Wir hatten aber einfach die finanziellen Mittel nicht“, berichtet er. 2018 standen in der Stadt Gardelegen dafür 20 000 Euro zur Verfügung. Mit den 150 000 Euro vom Land sind es dieses Jahr 175 000 Euro.

Diese Förderung entspricht den Kosten des zweiten Schritts: der mechanischen Bekämpfung. Befallene Bäume werden einzeln abgesaugt. „Das ist dann eine richtige unangenehme Arbeit“, berichtet Kauer – im Schutzanzug bei oft schon sommerlichen Temperaturen. Während chemisch noch jede bekannte Eiche angegangen wird, sei dieser zweite Schritt nur noch bei ausgewählten Bäumen möglich, sagt der Mitarbeiter der Stadt. Die Kosten pro Baum seien hier auch etwa zehnmal so hoch.

Eines ist dem Fachdienstleiter für Gefahrenabwehr dennoch klar: „Wir werden das Vieh nicht tot kriegen.“ Der Wirkstoff Bacillus Thuringiensis ist das einzige für Sachsen Anhalt zugelassene Mittel – und wirkt tatsächlich nur gegen Schmetterlingsraupen. Andere Lebewesen sind nicht Gefahr. Das war in den 1980er Jahren noch anders, erinnert sich Jürgen Dietrich.

Da seien für die Bekämpfung des Goldafter – einem Schmetterling, dessen Raupen auch Brennhaare hat – noch DDT-haltige Gifte eingesetzt worden. „Ein natürlicher Feind des Eichenprozessionsspinners wäre noch der Kuckuck“, meint Florian Kauer. Aber davon gebe es einfach nicht genug. Also ist erst einmal die Spritzkanone von Jürgen Dietrich die einzige Hoffnung auf möglichst unbeschwerte Radtouren durch die Altmark.

VON TIMO AICHELE

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