Von Woche zu Woche

Es gibt nicht „unsere Toten“

Es gibt Orte, die lassen einen erschaudern. Die sind kälter als andere. Einen dieser Orte gibt es in der Altmark, nördlich von Gardelegen. Dort, wo zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1016 KZ-Häftlinge umgebracht wurden, befindet sich eine Gedenkstätte.

Stefan Schmidt

In und an der dortigen Feldscheune – die Überreste stehen bis heute – ist es tatsächlich kälter als anderswo. Ungeschützt auf einer Anhöhe pfeift oft der Wind. Und lässt einen nicht nur deshalb erschaudern. Es sind auch all jene, die dort ermordet wurden. Manch einer von ihnen könnte heute, mehr als 70 Jahre nach der Tat, noch leben. Die Gedenkstätte befindet sich seit Sommer in Trägerschaft des Landes. Der neue Leiter, Andreas Froese-Karow, ist viel vor Ort, knüpft Kontakte, soll das Areal mit umgestalten helfen. Mehr als drei Millionen Euro nimmt das Land in die Hand, um das angestaubte Aussehen aufzufrischen. Die Gedenkstätte wird in drei Jahren optisch anders aussehen als jetzt.

Aber das ist es nicht alleine. Es gibt weiteren Erneuerungsbedarf. Und zwar weg von der ideologischen Vereinnahmung der Opfer auf einer Gedenkstätte, die 1953, also zu frühen DDR-Zeiten, eröffnet wurde. Und an der man seitdem fast nichts verändert hat. Manches erinnert bis heute an DDR, an Sozialismus. Und es ist buchstäblich ablesbar. So steht auf einer Inschrift an der Feldscheune der markante Satz „Sollte Euch jemals im Kampf gegen Faschismus und imperialistische Kriegsgefahr Gleichgültigkeit und Schwäche überkommen, so holt Euch neue Kraft bei unseren unvergessenen Toten.“

Dass man Faschismus und „imperialistische Kriegsgefahr“ in einen Topf wirft und damit Anfang der 1950er Jahre gewiss die junge Bundesrepublik Deutschland und Amerika meinte, mag der damaligen Zeit geschuldet sein. Zeitgemäß ist es ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR nicht mehr. Und „unsere Toten“ gibt es schon gar nicht. Niemand, egal welcher politischen Richtung er angehört, hat einen moralischen Alleinvertretungsanspruch auf die damaligen Opfer.

All dies wird man – im übertragenen Sinne – nicht ausradieren können. Der Spruch an der Mauer wird wohl bleiben. Aber die Ideologie und damit die Politik muss raus aus der Gedenkstätte. Und man darf auch Neues wagen. Denn seit Jahrzehnten gilt beim Gedenken am Jahrestag, stark vereinfacht ausgedrückt: Alte Menschen erzählen alten Zuhörern von der Verantwortung der jungen Generation.

Doch die „Alten“, sprich die Zeitzeugen, sind irgendwann nicht mehr da. Und junge Leute lockt man nicht mit altbackenen Ansprachen, wie in den vergangenen Jahren nur allzu häufig gehört.

Die Gedenkstätte muss und wird sich ändern. Nicht nur optisch. Auch vom Denken, von der Herangehensweise her. Was bleibt, ist die Kälte. Der Wind. Und das Erschaudern. Ganz ohne Ideologie.

Von Stefan Schmidt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare