„Er kam spontan, manchmal gar nicht“

Im Gericht: Weitere Einblicke in den Arbeitsalltag im Wirbelsäulen-Zentrum

Am Gardelegener Altmark-KIinikum gab es mehrere Jahre lang ein Wirbelsäulen-Zentrum. Dessen Geschäftspraktiken stehen im Mittelpunkt einer derzeit laufenden Verhandlung im Landgericht Stendal.
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Am Gardelegener Altmark-KIinikum gab es mehrere Jahre lang ein Wirbelsäulen-Zentrum. Dessen Geschäftspraktiken stehen im Mittelpunkt einer derzeit laufenden Verhandlung im Landgericht Stendal.
  • Stefan Schmidt
    vonStefan Schmidt
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Stendal / Gardelegen – Er war seit 1980 Arzt am Gardelegener Krankenhaus. Diplom-Mediziner W. war so etwas wie eine Institution vor Ort.

Aber nachdem seinem Vorgesetzten, Chefarzt Dr. F., gekündigt worden war und kurz danach, im April 2013, drei neue Chefärzte am Gardelegener Altmark-Klinikum eingestellt wurden und W. diese auch kennengelernt hatte, „da habe ich für mich den Entschluss gefasst“, so sagte er gestern im Landgericht Stendal, „mein Berufsleben zu beenden und in Rente zu gehen“. Zuvor habe W. den damaligen Geschäftsführer Matthias H. gefragt: „Planen Sie noch mit mir?“ Die knappe Antwort habe gelautet: „Nein. “.

Seit sieben Jahren ist der heute 67-jährige W. im Ruhestand. Und sagte gestern im Verfahren gegen seinen einstigen Kollegen Igor N. aus, dem gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird. N. soll am 22. Oktober 2011 jemanden operiert haben, den er nicht hätte operieren dürfen.

Mit der Installation des so genannten Wirbelsäulen-Zentrums am Gardelegener Altmark-Klinikum, das Honorararzt Dr. T. seit Juni 2011 leitete, sei das „ein großer Einschnitt“ gewesen. Dr. T. hatte ganz offenbar Narrenfreiheit. Er war nicht jeden Tag vor Ort, nahm an keinen Chefärzte-Beratungen oder ähnlich gelagerten Runden teil. Mehr noch: „Er kam spontan und manchmal auch gar nicht.“ Das Wirbelsäulen-Zentrum, so W., sei „ein sehr einträgliches Geschäftsmodell“ gewesen – an dem Dr. T. pro vollzogener Operation mitverdiente. Und so operierte der Honorararzt offenbar munter drauflos. Oder, wie es W. gestern vor Gericht ausdrückte: „Es gab Diskussionen über die Notwendigkeit von Operationen.“ Und: „Manche Maßnahme wurde großzügig codiert“ – was nichts anderes bedeutet, als dass mehr abgerechnet wurde, als am OP-Tisch tatsächlich getan wurde. Originalton W. dazu: Dr. T. „war in der Lage, sein Gehalt durch Codierungen zu optimieren“. Wie das gehen könne? „Man nimmt die Nummer, ohne dass man diesen kleinen Eingriff auch gemacht hat – das kann keiner je nachprüfen.“

Und so seien dann zum Jahresende „Erfolgsmeldungen“ im Hause verbreitet worden, erinnert sich W. Nämlich, dass man die Einnahmen erhöht habe – von Patientenwohl war offenbar nicht die Rede.

Der Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums hatte auch anderweitig freie Hand. Der Chefarzt der Chirurgie, der später geschasste und mittlerweile verstorbene Dr. F., sei dem Honorararzt gegenüber nicht weisungsbefugt gewesen, berichtete W. Mit der Radiologie und speziell dessen Leiter Dr. B. habe es regelmäßig „Differenzen“ gegeben: B. riet von Operationen ab – T. griff trotzdem zum Messer. W. formulierte es so: Im Wirbelsäulen-Zentrum habe es „eine sehr breite Auslegung der OP-Indikationen gegeben.“ Mit anderen Worten: „Im Zweifel für das Krankenhaus“ und dessen Einnahmeseite – „das war selbstverständlich.“

Darüber hinaus sei Dr. T. „eigentlich nur gekommen, hat operiert und war dann wieder weg“ – oft mit persönlichem Chauffeur zurück an seinen Wohnort Berlin. Das sei „gelebte Realität“ gewesen, so W.

Auf einen von etlichen Ärzten unterschriebenen Brandbrief („Wir wollten nicht, dass das Krankenhaus in Verruf kommt“) unter anderem an den Geschäftsführer habe es keine Reaktion gegeben. Nur diese Antwort: „Ihr seid nicht die Fachärzte.“

Wie denn das persönliche Verhältnis zu Dr. T., dem Leiter des Wirbelsäulen-Zentrums, gewesen sei, wollte die Vorsitzende Richterin Simone Henze-von Staden von W. wissen. Seine Antwort: „Ich weiß eigentlich wenig über ihn.“

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