Irgendwann bleibt die Uhr stehen

Gardelegen: Familienbetrieb Beyer schließt zum Jahresende – zumindest teilweise

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Wolfgang (links) und Ingeburg Beyer mit ihrem Mitarbeiter, Uhrmachermeister Werner Becker, der sie seit 1990 unterstützt. Trotz der anstehenden Schließung gibt es auch künftig noch die Reparaturwerkstatt.

Gardelegen – „Irgendwann muss dann auch mal Schluss sein. “ Wolfgang Beyer steht in der Werkstatt seines Geschäftes in der Gardelegener Fußgängerzone.

Der 69-Jährige und seine 67-jährige Ehefrau Ingeburg hören zum Jahresende mit ihrem Fachgeschäft „Uhren-Beyer“ auf.

Aus Altersgründen. Damit schließt ein weiteres Traditionsgeschäft in der Gardelegener Innenstadt – wenn auch nicht ganz. Denn die Werkstatt im hinteren Bereich an der Ernst-Thälmann-Straße bleibt auch im neuen Jahr ebenso geöffnet wie die Reparaturannahme. Der Verkaufsraum, in dem sich Ingeburg Beyer seit vielen Jahren vorrangig aufhält, ist jedoch schon teilweise leergeräumt und leergekauft.

Das Geschäft gibt es seit 1872, als Wolfgang Beyers Urgroßvater Gustav an der Sandstraße 401, unweit des heutigen Goldenen Rings, seinen Laden eröffnete. Wolfgang Beyer führte es also in vierter Generation weiter. Dabei sah die Lebensplanung des gebürtigen Gardelegeners anders aus: Er ging als Schwimmer zur Sportschule nach Magdeburg, lernte dort seine spätere Frau Ingeburg, eine Leichtathletin, kennen, mit der er seit mittlerweile 48 Jahren verheiratet ist.

Das Uhrengeschäft des Vaters sollte der ältere Bruder Werner übernehmen. Doch der verunglückte tödlich auf dem Gardelegener Segelflugplatz. Kurz danach begann Wolfgang eine Lehre im elterlichen Betrieb, wurde später Uhrmachermeister und übernahm 1986 das väterliche Geschäft. Seine Ingeburg leitete bis 1990 den Kommissionshandel, ehe sich das Ehepaar Beyer nach der Wende selbstständig machte. Die ersten Jahre, so erinnern sich beide, seien „richtig gute Jahre“ gewesen, es herrschte „Aufbruchstimmung, die Schaufenster waren überall und somit auch bei uns voll von Gold“. Offiziell ist Ingeburg Beyer seit 2015 in Rente, seit 2016 ist montags bereits geschlossen, in diesem Sommer war auch sonnabends zu.

„Wir haben aber trotzdem noch 43 Stunden pro Woche geöffnet“, sagt der Hausherr. Die Kunden kommen seit vielen Jahren „aus der ganzen Region“, weiß Wolfgang Beyer. Und gibt zu, das man noch „analog“ arbeite. Eine Internetseite gibt es beispielsweise nicht, „das ist nicht unsere Welt.“

Das alte Reparaturbuch zeigt Rechnungen aus der Inflationszeit im Dezember 1923.

Das Fachgeschäft in der Fußgängerzone, in dem jahrzehntelang Uhren, Schmuck, Gold und Pokale verkauft wurden, gibt es seit 1907. „Unser Geschäft hat das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazi-Zeit, die DDR und jetzt das geeinte Deutschland erlebt“, blickt Wolfgang Beyer auf gelebte Geschichte zurück. Er holt ein altes Reparaturbuch heraus, in dem jede Ein- und Auszahlung genauestens aufgeführt ist.

So zahlte im Dezember 1923, als die Inflation im Deutschen Reich ihren Höhepunkt erreicht hatte, ein gewisser Fritz Müller aus Sachau stolze 5,5 Milliarden Reichsmark für die ganz normale Reparatur einer Uhr. Und auch eine alte Rabattkarte befindet sich noch im Familienbesitz. Der damalige Leitspruch: „Reparaturen gewissenhaft – Preise solid.“

Und was macht das Ehepaar Beyer ab dem neuen Jahr, nach der teilweisen Schließung des Geschäftes? „Wir wollen uns weiterhin sportlich betätigen“, sagen die früheren Sportschul-Absolventen. Regelmäßige Radtouren in der Region, Saunabesuche, dazu Wanderungen und Ski-Urlaube soll es auch künftig geben. Dazu singt Ingeburg Beyer seit vielen Jahren im Gardelegener Postchor. „Und wir hören ja noch nicht ganz auf“, sagt Wolfgang Beyer beim Blick in die Reparaturwerkstatt. „Sofort von Hundert auf Null, das ist auch nicht gut.“

VON STEFAN SCHMIDT

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