Fünf Blondschöpfe und 100 rote Kühe

Angekommen: Klaas, Henk, Jan, Dirk und Wilma van der Laan gefällt es in Deutschland gut. Ihren 100 „roten Kühen“ mittlerweile auch. Und die deutschen verstehen sogar niederländisch...Fotos (2): Biermann

Sachau - Von Gesine Biermann. Seit einem halben Jahr sind sie da und schon jetzt wissen sie: „Wir haben es richtig gemacht“. Henk van der Laan und seine Familie haben zu Beginn dieses Jahres im niederländischen Groningen alle ihre Zelte abgebrochen, um in Sachau einen Milchviehbetrieb zu übernehmen. Eine gute Entscheidung, sagt der Landwirt heute. „In Deutschland haben die Bauern noch einen guten Ruf.“

Allerdings: Die Arbeit ist auch in den Niederlanden die gleiche wie hierzulande. Henk van der Laan weiß das aus Erfahrung. Viele Jahre lang betreibt er in der Nähe von Groningen einen Milchviehbetrieb. 100 Milchkühe und 70 Hektar Grünland. All das bewerkstelligt der große fröhliche Familienvater ganz allein. Für ihn bedeutet das: täglich zweimal melken, füttern, ausmisten und die Äcker selbst bestellen. Viel Arbeit, auch für einen noch so passionierten Landwirt.

Und dann sind da auch noch die äußeren Bedingungen, die in den Niederlanden „viel schlechter sind als hier“. Nicht nur, dass vieles teurer ist in dem kleinen Nachbarland. Es gibt auch einfach zu wenig Platz. In den Niederlanden, so erzählt Henk van der Laan, arbeiten, auf die Fläche berechnet, viel mehr Landwirte. Es fehlt also generell an Boden. So sei die Regierung daran interessiert, die Anzahl der Kühe zu begrenzen, die gehalten werden dürfen. Und es gibt auch in den Niederlanden eine Milchquote (von der EU festgelegte Mengenbegrenzung der Milch, die ein Landwirt produzieren darf). Die kann man im Nachbarland zwar dazu kaufen. „Das ist aber sehr teuer“, sagt van der Laan.

Im Vergleich zu Deutschland – hier kostet die Quote für ein Kilogramm Milch drei Cent – bezahle der Bauer dort 1,80 Euro. Am Ende ist es „die fehlende ökonomische Perspektive“, die ihn irgendwann den Entschluss fassen lässt, es weiter östlich zu versuchen.

Berufskollegen und Landsleute, die sich in Mecklenburg erfolgreich niedergelassen haben, laden ihn ein. Und so reist Henk van der Laan gemeinsam mit seiner Frau Wilma etliche Male nach Deutschland, um sich umzuschauen.

Nicht alles, was beide sehen, gefällt ihnen. Dann jedoch ruft – „das war im Mai 2009“ – der Makler bei den van der Laans an. Zum ersten Mal fällt das Wort Sachau. Und schon beim ersten Besuch ist den beiden sofort klar: „Hier bleiben wir.“

„So wie Ställe angeordnet waren, und auch die Umgebung hier, das hat uns gut gefallen.“ Und selbst, dass einige der Ackerflächen im Drömling liegen und unter somit strengen Naturschutzbestimmungen stehen – zum Beispiel kann hier nicht zu jeder Zeit gemäht werden – stört ihn nicht. „Dafür ist die Pacht billig.“

Und so packen fünf van der Laans Ende Januar in dem kleinen Dorf bei Groningen ihre Koffer. Denn mit Henk und Wilma kommen selbstverständlich auch Jan (12), Dirk (10) und Klaas (8) mit nach Deutschland. Und dazu 100 „rote Kühe“. Denn der Landwirt will seine Herde gern behalten. Sie gibt es hier in Deutschland nicht so oft. Die Tiere sind „eine Mischung“ aus der niederländischen Rasse „Groninger Blaarkop“ und „Roten Holsteiner Friesen“. Sie geben nicht nur „ein bisschen mehr Milch“ als die hiesigen Kühe, sondern haben dazu noch besonders gute Fett- und Eiweißwerte, versichert der Fachmann. Und so werden die Tiere ebenfalls „eingepackt“ und kommen mit ins altmärkische Sachau.

Heute, nach rund einem halben Jahr, kann der Chef nun ein kleines Fazit ziehen. Und das fällt, alles in allem, doch sehr, sehr positiv aus.

Am schnellsten – und das freut Henk genau so wie seine Frau Wilma – haben sich wohl die Jungs an die neue Heimat gewöhnt. Alle drei gehen in Mieste zur Schule, „sprechen schon viel besser Deutsch als wir“, sagt Henk van der Laan, „und verbessern uns ständig, wenn wir etwas falsch sagen“, fügt seine Frau schmunzelnd hinzu. Und sie haben mit den Jungs aus Sachau schnell Freundschaft geschlossen.

Derzeit genießen Jan, Dirk und Klaas natürlich genau wie die deutschen Schulkameraden ihre Sommerferien. Gerade haben sie sich mit den Kumpels aus dem Dorf hinter dem van der Laan‘schen Wohnhaus einen Clubraum eingerichtet. „Mit Möbeln vom Großmüll“, zwinkert ihre Mama. Gerade wartet man in Sachau nämlich auf die Spermüllabfuhr. Eine Goldgrube für echte Jungs in ihrem Alter. Um so müssen sich die Eltern also keine Sorgen machen. Dass sie sich eingelebt haben, sieht man ihnen an der Nasenspitze an.

Sogar beim Fototermin mit den roten Kühen, zu dem sie gestern auf Mamas Wunsch mitkommen sollen, strahlen alle drei. Obwohl sie dafür – und das in den Ferien – sogar früher aufstehen müssen. Im Stall angekommen, necken sie gut gelaunt ihren Vater: „Papa, Du redest niederländisch mit den deutschen Kühen. Die verstehen Dich doch gar nicht!“

Und siehe da, die Söhne kennen sogar etliche der Kühe mit Namen. Natürlich nur die „roten“. Auf jeden Fall, so beschließen sie einhellig, soll „Friederike“ mit aufs Bild. „Die ist cool.“ Allerdings lässt sie sich zwischen den vielen schwarzweißen und rotweißen Tieren nicht finden. Und so muss sich der van der Laan-Nachwuchs mit ihren Schwestern begnügen, die weiter vorn stehen und neugierig durchs Gatter schauen.

Dass „die Roten“ zufrieden vor sich hin kauen, offensichtlich genau so gesund und munter wie ihre deutschen Schwestern, das macht Henk van der Laan übrigens besonders froh. Denn, wer hätte das gedacht: Während sich die fünf zweibeinigen Niederländer ganz schnell eingewöhnen, haben die hundert vierbeinigen mehr Probleme als erwartet.

Zum einen „waren sie bei uns immer auf der Wiese“, zählt der Landwirt auf. „Aber hier ist alles so groß, da wären sie ja gleich weg.“ Zum anderen hatten die roten Wiederkäuer im Nachbarland ausschließlich Grünfutter auf dem Speiseplan. „Hier bekommen sie jetzt zwei Drittel Maissilage. Da mussten sich die insgesamt 400 Mägen in den 100 Kühen wohl auch erst umgewöhnen. Aber noch ein anderer Faktor mag daran schuld gewesen sein, dass Henk van der Laans Kühe es am Anfang schwer hatten in Deutschland: „Manche von ihnen hatten wohl Heimweh“, sagt er. Und meint das augenscheinlich völlig ernst.

Doch auch das hat sich nun mittlerweile gegeben. Gestern jedenfalls sehen rote und schwarzbunte gleich zufrieden aus. Ebenso zufrieden wie die ganze Familie van der Laan.

Und es gibt, seit die fünf fröhlichen Niederländer hier sind, auch einige Deutsche, die froh sind. Denn Henk van der Laan hat neben dem Bestand von 200 Milchkühen der Agrargenossenschaft Solpke – mit der die Zusammenarbeit im übrigen „ganz toll war“, wie das künftige Genossenschaftsmitglied versichert – auch die sechs genossenschaftlichen Angestellten übernommen.

Ihnen blieb der Arbeitsplatz erhalten. Und dem Chef bleibt nun in Deutschland auch mal eine Minute, um durchzuatmen, weil er nicht mehr alles ganz allein machen muss.

Und so gibt es eigentlich nur ein Familienmitglied, das noch einen kleinen Wunsch offen hat: Wilma van der Laan, die in der Heimat 20 Jahre lang als Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet hat, würde neben dem Haushalt und der Buchhaltung – die in Deutschland übrigens tatsächlich „nicht so schlimm ist“, wie sie befürchtet hatten – auch für sich ganz gern wieder eine Aufgabe finden.

Und dann gibt's da schließlich noch einen gemeinsamen Familienwunsch: „Wir wollen ein eigenes Haus bauen.“ Jan, der Große, spricht es aus. Und wer bis dahin noch nicht geglaubt hat, dass für die van der Laans Deutschland zur zweiten Heimat wurde, der zweifelt nun kein bisschen mehr.

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