„Offene Heide“-Sprecher Helmut Adolf nach Betreten von Schnöggersburg zu Geldstrafe verurteilt

„Früher hat man Hexen verbrannt“

+
Schon mehrfach – wie hier im Oktober 2016 – hat „Offene Heide“-Sprecher Helmut Adolf (rechts) die Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg betreten. Gestern verurteilte ihn das Amtsgericht Gardelegen zu einer Geldstrafe.

Gardelegen. „Das Forum, das Sie wollten, haben Sie jetzt bekommen. “ Axel Bormann, Gardelegens Amtsrichter, versuchte, dem Angeklagten eine Brücke zu bauen.

Helmut Adolf, Sprecher und seit vielen Jahren einer der Köpfe der Bürgerinitiative „Offene Heide“, hatte am gestrigen Vormittag seinen 15-minütigen Monolog zu seinen Beweggründen, die Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg auf dem Truppenübungsplatz Altmark in der Colbitz-Letzlinger Heide am 5. August 2017 betreten zu haben, beendet, als Bormann ihm einen Vorschlag unterbreitete. Er möge den Einspruch gegen den Strafbefehl über 100 Euro zurücknehmen. Denn bei einer – wahrscheinlichen – Verurteilung müsste Adolf, der mit seinen 59 Jahren noch berufstätig ist, deutlich mehr zahlen. Diesen richterlichen Wink mit dem Zaunpfahl („Wollen Sie nicht nochmal in sich gehen?“) nehmen andere Angeklagte und deren Verteidiger gerne auf und zahlen die geringere Summe.

Doch Helmut Adolf, der ohne Rechtsbeistand gekommen war, ging es nicht ums Geld. Er wollte ein Urteil. Und das bekam er am Ende auch.

Hausfriedensbruch, so lautete der Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft. Helmut Adolf hatte mit anderen Gesinnungsgenossen während des „War starts here“-Camps im vergangenen Jahr die Baustelle Schnöggersburg betreten. Das gab der in Berlin-Lichtenberg lebende Friedensaktivist auch zu. Und geißelte Schnöggersburg vor Gericht als Ort, an dem es „nicht mit rechten Dingen zugeht.“ Wenn man, so Helmut Adolf, eine Weltanschauung vertrete, müsse man sich eben auch die Welt anschauen – also Schnöggersburg, wo für Bundeswehr-Einsätze „in aller Welt – also auch im Inland“ geübt werden solle. „Wir warten da nicht auf theatralische Vorführungen wie beim Tag der offenen Tür der Bundeswehr“, bekräftigte der Angeklagte. Die Bundeswehr sei „eine Einrichtung zum Töten von Menschen“, sie handele „wie ein Süchtiger, der zu immer mehr Suchtmitteln greift.“

Geradezu belustigt zeigte sich Helmut Adolf über den Tatvorwurf des Hausfriedensbruchs. „Da, wo Kriege vorbereitet werden, soll Hausfrieden herrschen?“ Und weiter, in Bezug auf die „Offene Heide“: „Wir stören das Bild des guten Nachbarn Bundeswehr mit den Anrainern.“ Adolf beendete seine Ausführungen, denen etwa 30 Gleichgesinnte im Gerichtssaal folgten, mit den Worten „Ich danke für die Aufmerksamkeit“ – eine ungewöhnliche Wortwahl für jemanden, der gerade auf einer Anklagebank sitzt.

Bormann verurteile Helmut Adolf zu einer Geldstrafe von 900 Euro (zehn Tagessätze) wegen Hausfriedensbruchs. Der Angeklagte forderte zwar zuvor, dass sich „die Rechtsprechung weiterentwickeln muss“ und verglich seinen Prozess mit Verfahren im Mittelalter: „Früher hat man Hexen verbrannt...“ Aber Bormann erläuterte ihm, mit Blick auf sein Betreten von Schnöggersburg: „Sie wussten, dass Sie da nicht hingehören.“ Denn „man kann auf andere, auf legitime Weise protestieren.“ Zu Schnöggersburg erklärte der Richter: „Es ist zwingend erforderlich, dass man eine Bundeswehr hat und dass die Soldaten ausgebildet werden müssen – ob das schön ist oder nicht, ist eine ganz andere Frage.“

Noch bevor Bormann das Urteil verkündet hatte, machte einer der Zuhörer in einer Verhandlungspause dem Richter das Angebot, sich ihnen doch anzuschließen und künftig bei der „Offenen Heide“ mitzumachen. Nächste Gelegenheit wäre der Ostermarsch am Ostermontag in Letzlingen. Der Richter lehnte dankend ab: „Ostern gehört bei uns der Familie.“

Von Stefan Schmidt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.