Der Friedhof bleibt unberührt

Der Heimatverein hatte, wie in jedem Jahr, historische Dokumente über das einstige Heidedorf Salchau, das im Jahr 1936 aufgelöst wurde, ausgestellt.Fotos (3): Schmidt

Salchau - Von Stefan Schmidt. 74 Jahre ist es her, dass die Einwohner des damals idyllisch mitten in der Colbitz-Letzlinger Heide gelegenen Salchau quasi über Nacht ihre Häuser verlassen mussten.

Der Ort war der Deutschen Wehrmacht im Wege, die dort eine 30 Kilometer lange Schießbahn errichtete.Er kam leicht geduckt von der Seite an, tippte dem Mann in der Bundeswehr-Uniform fast schüchtern auf die Schulter. Und stellte sich vor. 500 Kilometer sei er extra angereist, um mal wieder in sein einstiges Heimatdorf zu kommen. „Ich war acht Jahre jung, als wir von hier wegmussten“ erzählte Günter Horn, mittlerweile fast 83 Jahre alt, seinem Gegenüber. Der hörte aufmerksam zu. Es war Oberst Gerd Kropf, der Leiter des Gefechtsübungszentrums (GÜZ) des Heeres in der Colbitz-Letzlinger Heide. Die Bundeswehr übt auf dem riesigen Gelände ebenso wie vor 1994 die Rote Armee und bis 1945 die Deutsche Wehrmacht – nur eben nicht mehr mit scharfer Munition. Die Wehrmacht war es seinerzeit, die 1936 dafür verantwortlich war, dass Salchau verschwinden musste. Die 104 Familien, darunter eben auch Familie Horn mit dem damals jungen Günter, mussten quasi über Nacht ihre Siebensachen packen und wurden zwangsausgesiedelt. „Die Menschen wurden nicht gefragt. Es wurde nicht nach Gefühlen gefragt. Die Testergebnisse waren wichtiger als die Menschen“, bilanzierte Gerd Kropf in seiner Rede. Weit verstreut leben die einstigen Salchauer und ihre Nachfahren heute. Günter Horn wohnt in Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz, viele andere Ex-Salchauer hat es rund um die Colbitz-Letzlinger Heide verschlagen. Alljährlich am Himmelfahrtstag gibt es ein Salchau-Treffen. Und zwar genau dort, wo einst das Dorf stand. Mittlerweile befinden sich dort andere Häuser: Holzhütten, mit deren Hilfe Soldaten für den Auslands-Einsatz vorbereitet werden. Allerdings: Diese Häuser stehen nicht genau dort, wo früher die Familien wohnten. „Wir haben genau darauf geachtet, dass kein Gebäude exakt auf einem ehemaligen Fundament gebaut wird“, so der Oberst. Aus Rücksicht und aus Achtung vor jenen Menschen, die damals unfreiwillig ihr Idyll mitten im Wald verlassen mussten.

Und noch etwas macht die Bundeswehr nicht: Tiefenberäumung. Und zwar auf dem Gelände des einstigen Friedhofs, der heute nur noch in Rudimenten zu sehen ist. „Das wäre absolut pietätlos“ so Gerd Kropf. Zwar wird der Übungsplatz sonst auf eine Tiefe bis 2,50 Meter beräumt, um Munition aus der Erde zu holen und für Sicherheit zu sorgen. Aber die auf dem Friedhof begrabenen Gebeine bleiben von derlei Maßnahmen verschont.

Nach dem Oberst sprachen Letzlingens Bürgermeisterin Regina Lessing („Salchau wurde einst zwangsgeräumt, Letzlingen wird bald zwangseingemeindet – der Zwang zieht sich durch unsere Zeit“), Heimatvereins-Vorsitzender Dr. Karl-Ulrich Kleemann und Standortpfarrer Gerd Hinke.

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