Simone Trieder und Sieglinde Wollner über russische Jahre deutscher „Spezialisten“-Familien

„Frau, Kind, Babushka, alle mit“

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Sieglinde Wollner war fünf Jahre alt, als ihre Familie nach Russland musste. Den Pullover von ihrer Einschulung hat sie bis heute. Mit Simone Trieder (r.) erzählte sie von dieser Zeit.

Gardelegen. „Die vier Kinder der Familie Wagner haben mich nicht mehr angeguckt. Weil ich nach Hause durfte, aber sie nicht“, erinnert sich Sieglinde Wollner.

Nach Hause, das bedeutete zurück nach Deutschland, vier Jahre, nachdem ihre Familie von Russen abgeholt worden waren, damit ihr Vater als „Spezialist“ in Russland arbeitet. Über diese prägenden Jahre erzählte Sieglinde Wollner am Freitagabend in der Gardelegener Bibliothek gemeinsam mit Autorin Simone Trieder.

Fotos, Tintenfässchen, eine Tasse, hölzerne Krippenfiguren – Sieglinde Wollner hat noch ein paar der Sachen aus Russland.

Simone Trieder hat vor Kurzem ihr Buch „Unsere russischen Jahre“ herausgebracht, welches ein relativ unbekanntes Kapitel der Nachkriegsgeschichte der damals von den Russen besetzten Bundesländer erzählt: Am 22. Oktober 1946 wurden rund 2500 Facharbeiter unter anderem aus der Flugzeug-, Rüstungs- und Maschinen-Industrie oder auch Chemie, von russischen Soldaten abgeholt und zum Arbeiten nach Russland gebracht, mitsamt ihrer Familien. Trieder hat dazu einen besonderen Bezug, denn ihre Mutter Ida, damals 23 Jahre jung, war eines der „Spezialisten“-Kinder. Ihre Mutter sprach allerdings nie wirklich über diese Zeit. Als die DDR bestand, war es ohnehin verboten. Erst durch die Tagebücher ihrer Mutter entwickelte Simone Trieder das Interesse für die Vergangenheit ihrer Familie und das Schicksal auch anderer Betroffener. Für ihr Buch traf sie mehrere Zeitzeugen. Die Geschichte der Engersenerin Sieglinde Wollner ist zwar nicht Teil des Buches, aber sie stand am Sonnabend mit ihren Erlebnissen quasi im Mittelpunkt des Abends und erzählte von ihren ganz persönlichen russischen Jahren als Zeitzeugin aus erster Hand. Sieglinde Wollner war damals fünf Jahre alt.

„Du, mitkommen, in fünf Minuten alles fertig“, hört die heute 77-Jährige noch immer die Stimmen an der Haustür ihres Elternhauses. Man erklärte der Familie kurz und bündig, dass es nach Russland ginge. Ihre Mutter fragte weinend „Wie lange“, als Antwort kam ein „Vier“. Was vier? Vier Tage? Vier Wochen? Vier Monate? Als ein Koffer gepackt war, wurde schnell deutlich, dass es wohl länger werden würde – „Frau, Kind, Babushka, alle mit, Möbel, alles mit, Russland ist groß“. Für viele der Familien war die Ungenauigkeit, das Nichtwissen, wann sie wieder in ihre Heimat zurückkehren würden, ob überhaupt, eine schwere Belastung. „Zavtra“ war die Standardantwort der Russen – „Morgen“, immer hieß es „Zavtra, Morgen“, erklärte Simone Trieder. Der Morgen ließ allerdings auf sich warten.

Die Gardelegener Bibliothek war gut besucht. Viele der Zuhörer waren sichtlich ergriffen von den Schicksalen der „Spezialisten“.

Die Familien kamen schließlich in Russland an. Die Familie Alt, so der Mädchenname von Sieglinde Wollner, war erst in einer Art „Sanatorium“ untergebracht, später in einem Holzhaus, das finnische Gefangene gebaut hatten. Den Ort kennt Sieglinde Wollner eigentlich nur unter dem Namen „Upravleniye“, was nichts anderes als Verwaltung bedeutet. Es war in der Nähe von der heutigen Industriestadt Samara. Bis zu einem Nebenarm der Wolga waren es etwa eineinhalb Stunden zu Fuß. Sieglinde Wollner erinnert sich trotz der Schwere dieser Jahre für ihre Familie auch an die wunderschönen Sommer in Russland. Wenn sie zur Wolga lief, die teils so breit war, dass sie das andere Ufer gar nicht sehen konnte, und mit den Armen voller Feld- und Wildblumen wiederkam, die ihrer Mutter eine Freude bereiteten. Für die Kinder war es wohl einfacher, denn auch die von Trieder interviewten Zeitzeugen waren dieser Zeit gegenüber nicht nur negativ eingestellt.

Für die Erwachsenen aber war es hart. So hart, dass es nicht wenige Suizidversuche gab. Ein Mann, erzählt Sieglinde Wollner, hatte sich einmal in den Schnee gelegt und in Kauf genommen, dass ihm Füße und Hände abfrieren. „Er wollte nicht mehr arbeiten können“, so die ehemalige Pastorin. Anders als die „Spezialisten“, die sich die Amerikaner geholt hatten, und die sich in den USA Karrieren aufbauten, saugten die Russen das Wissen der Fachleute ab und zogen sie anschließend von den Projekten ab, ohne jegliche Würdigung.

Der Familie Alt gab ihr Glaube an Gott viel Kraft. Im Wohnzimmer fanden regelmäßige Gottesdienste statt. Und die Musik war ein Licht in dunklen Zeiten. Sieglinde Wollners Vater Franz Alt hatte Harmonium und Gitarre mitgenommen. „Annekathrin, die zerschlagene Gitarre“ überstand vier Jahre Russland, erst in Engersen ging sie kaputt. Aber sie wurde repariert. Und auf eben dieser Gitarre spielte zwischendurch Tabea Wollner und sang dazu deutsche und russische Lieder.

Von Hanna Koerdt

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