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„Fernseh“-Intensivbehandlung

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Chefarzt Dr. Michael Schoof (r.) und Oberarzt Kay Wede stellten die neuste Technik vor. Mittels hochauflösendem Monitor könnte jederzeit ein Magdeburger Kollege mit ihnen konferieren.

Gardelegen - Von Gesine Biermann. Eine superschnelle Datenleitung verläuft seit kurzem zwischen Magdeburg und Gardelegen. Das Projekt TASC (Telemedical Acute Stroke Care), ein millionenschweres Forschungsprojekt, soll bei Schlaganfallpatienten in der strukturschwachen Altmark für schnellere Hilfe sorgen. Dr. Michael Schoof, Chefarzt und Ärztlicher Direktor des Gardelegener Altmark-Klinikums, erläuterte gestern, wie die „TV-Behandlung“ genau funktioniert.

Das Gerät sieht eher unscheinbar aus: Ein Computermonitor mit aufgesetzter Web-Cam, eine Tastatur davor, alles schön bequem auf einem rollbaren Tischchen – fast wie ein mobiler Büroarbeitsplatz. Der erste Eindruck aber täuscht. Denn der neue Computer in der Intensivstation (ITS) des Altmark-Klinikums Gardelegen ist ein Lebensretter – oder kann zumindest einer sein. Denn er verbindet seit einigen Tagen die Altmark mit der Landesmetropole. Oder besser die Ärzte der ITS im hiesigen Krankenhauses mit ihren Kollegen der Stroke Unit (spezielle Station für Schlaganfallpatienten) der Universitätsklinik Magdeburg. Letztere können damit nun direkt von Magdeburg aus an der Behandlung von Schlaganfällen mitarbeiten. „Und dabei dem Patienten bis in die Pupille schauen“, beschreibt es Chefarzt Michael Schoof gestern.

Über den neuen heißen Draht zu den Kollegen sei er persönlich „hocherfreut“, versichert der Internist. Rund ein halbes Jahr Vorlaufzeit hatte das Projekt in Anspruch genommen. Profitieren werden davon künftig Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben.

In einem solchen Fall nämlich ist stets Eile geboten. Vor allem dann, wenn der Schlaganfall durch ein Blutgerinnsel verursacht wurde, welches medikamentös aufgelöst werden könnte. „Wenn“, so betont es Schoof, „ein Zeitfenster von 180 Minuten nicht überschritten wird.“ Die drei wertvollen Stunden, in denen im Falle rechtzeitiger „Lysebehandlung“ noch Gehirnzellen gerettet werden könnten, verstrichen in der Vergangenheit oft mit dem Transport der Patienten. Denn auf diese Akutversorgung war bislang nur die Unit Stroke in Magdeburg spezialisiert.

Deren Experten können nun aber mittels TASC bei der Untersuchung in der Gardelegener ITS „dabei sein“, können nicht nur über den Monitor mit den Patienten und den Kollegen vor Ort sprechen, sondern auch sämtliche Untersuchungsergebnisse, wie zum Beispiel die CT-Befunde, unmittelbar einsehen, sie bewerten und schließlich mit den altmärkischen Ärzten die optimalste – und schnellste – Behandlung für den Schlaganfallpatienten einleiten. Und auch danach bleibt die Kamera noch rund 24 Stunden eingeschaltet. In dieser Zeit können die Magdeburger Spezialisten stets Kontakt in die Altmark halten und umgekehrt. Der Patient indes kann im Gardelegener Klinikum bleiben. Für ihn selbst und auch für seine Angehörigen eine große Erleichterung in dieser entscheidenden Zeit der Erkrankung.

Vorteile allerdings habe diese innovative Kooperation per Internet noch in vielerlei Hinsicht, erläutert Michael Schoof. Er nennt in diesem Zusammenhang neben der Kostenersparnis auch die Möglichkeit, die Methode auf die Behandlung anderer Erkrankungen auszuweiten. „Die neuen Wege“, die das Gardelegener Altmark-Klinikum und die Magdeburger Uniklinik mit dem TASC-Projekt gemeinsam beschreiten, sind also ausbaufähig. Gerade für die strukturschwache Altmark mit ihren langen Wegen und zunehmendem Fachärzteverlust höchstwahrscheinlich eine echte Alternative. Die Forschungsmittel aus denen das TASC-Projekt bestritten wurde, „etliche Millionen“, sieht der Ärztliche Direktor in Gardelegen deshalb auch hervorragend eingesetzt. „Hier profitiert der Patient direkt vor Ort.“

Der wichtigste Faktor einer erfolgreichen Schlaganfallbehandlung bleibe aber nach wie vor der Patient selbst, so Schoof auch als Chefarzt der Inneren Abteilung. Obwohl zumeist bekannt, werden die Symptome oft nicht ernst genommen. Dazu gehören vor allem Lähmungserscheinungen, die einseitig Bein, Arm oder auch die gesamte Körperhälfte betreffen können, oder auch kurzzeitige oder längere Bewusstseins- oder Sprachsstörungen, zählt er auf.

Die Diagnose betreffe zudem längst nicht nur mehr Risikogruppen wie Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck oder Herzerkrankungen. „Auch junge, scheinbar völlig gesunde Menschen“ seien vor einem solchen Schlag im Gehirn nicht gefeit. Hunderte Patienten werden jährlich in Gardelegen behandelt. 200 000 sind es bundesweit. 70 000 von ihnen sterben an den Folgen. „Nur 40 Prozent aller Patienten verlassen ohne Defizite das Krankenhaus“, beziffert Schoof. Im Gardelegener Krankenhaus ist die Chance auf eine vollständige Heilung seit kurzem größer denn je.

Eingeführt wird das Projekt offiziell am Mittwoch, 9. Juni. Mit dabei sind natürlich die Kollegen der Magdeburger Uniklinik. Sie werden das System der Telemedizin ab 15 Uhr vorstellen und in Fachvorträgen erläutern, zu denen nicht nur die Klinikärzte, sondern auch die niedergelassenen Mediziner der Region und die Mitarbeiter der Rettungsdienste herzlich willkommen sind.

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