1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Gardelegen

Gardelegen: 245 Braukeller und eine Leichenwäscherei

Erstellt:

Von: Stefan Schmidt

Kommentare

Menschengruppe an Straße
Ruper Kaiser führte durch die Sandstraße © Stefan Schmidt

Es gibt viele Anekdoten aus der Gardelegener Sandstraße.

Gardelegen – Lange Zeit war die Sandstraße, eine der Hauptverkehrsachsen in der Gardelegener Innenstadt, unbefestigt. Dafür pulsierte dort das Leben. Das berichtete Rupert Kaiser, einer der Gardelegener Stadtführer, bei einem Themenrundgang am Sonntagvormittag. Mehr als 30 Neugierige waren gekommen, um sich von ihm die Geschichte der Sandstraße erzählen zu lassen – und zwar jener Straßenseite mit den geraden Hausnummern. Denn Kaiser hat so viel Material über die Sandstraße gesammelt, dass die ungeraden Hausnummern – mit Bornemannhaus und Försterschem Haus – bei einer Stadtführung in zwei Wochen an der Reihe sind.

Vor dem Dreißigjährigen Krieg gab es entlang der Sandstraße, so berichtete Rupert Kaiser, nicht weniger als 245 Braukeller. Das damals gebraute Bier war sirupartig, süßlich, hatte zwölf Prozent Alkoholgehalt, ebenso viel Stammwürze und wurde sogar Kindern verabreicht, als „Zusatzmedizin“ für stärkeren Knochenbau. Noch im Jahr 1938 gab es entlang der Sandstraße 109 eingetragene Handwerksbetriebe – dazu sieben Gaststätten, fünf Bäcker und eine Leichenwäscherei. Rupert Kaiser berichtete auch über das Geschäft des Gewerbevereins-Vorsitzenden Peter Jaenicke, einem „lebenden Original“ Gardelegens. Und über den einstigen Schneidermeister Grass, der glücklich verheiratet gewesen sein soll: „Sie war glücklich – er war verheiratet.“ Grass sang im damals schon existierenden Männerchor Eintracht und begründete den heute noch stattfindenden Eintracht-Fasching.

Besondere Geschichten ranken sich auch um das heute nicht mehr vorhandene Geburtshaus des Humoristen Otto Reutter, der im Jahr 1870 als Otto Pfützenreuter an der Sandstraße zur Welt kam. Eine Tafel erinnert an Otto Reutter – allerdings nicht genau an der Stelle des einstigen Geburtshauses, sondern dort, wo Reutters Vater ein Nachbarhaus erwarb. Die Eltern betrieben eine Gastwirtschaft, die „Altmärker Braustube“. Der junge Otto Reutter spielte schon im Alter von acht Jahren die Geschehnisse in der elterlichen Kneipe und die familiären Dialoge nach, kassierte dafür sogar ein paar Taler Eintrittsgeld – und regelmäßig eine Tracht Prügel vom erzürnten Vater, während sich Reutters Mutter über die schauspielerischen Leistungen ihres Sohnes köstlich amüsiert haben soll.

Zu DDR-Zeiten, im Jahr 1952 und damit mehr als 20 Jahre nach Otto Reutters Ableben, übernahm die HO, Abteilung Gaststätten, die Kneipe, nannte sie „Reutter Klause“ – doch es handelte sich wohl eher, so mutmaßte Rupert Kaiser, um eine Spelunke, um eine „Nahkampfdiele“. Das Gebäude, längst baulich heruntergekommen, wurde schließlich im Jahre 1961 abgerissen. Heute steht dort ein mehrgeschossiger Wohnblock.

Die Stadtführung mit den ungeraden Hausnummern entlang der Gardelegener Sandstraße findet am Sonntag, 12. Juni, statt. Treffpunkt ist dann um 10 Uhr vor dem Hotel Reutterhaus.

Auch interessant

Kommentare