„Einzig noch existierendes Stück“

„Tatarenleuchter“ aus Gardelegener Rathaussaal als Leihexponat für Islam-Ausstellung in Tatarstan

+
Dr. Radik Salikhov (v.l.), Dr. Stephan Theilig, Dr. Marat Gibatdinov und Dr. Mieste Hotopp-Riecke nahmen den „Tatarenleuchter“ aus dem Gardelegener Rathaussaal entgegen. Das kunstvolle Exponat wird für die Islam-Ausstellung in Kasan zur Verfügung gestellt.

Gardelegen. Otto Stiehl, Architekt und Fotograf aus Magdeburg, war vor hundert Jahren während des Ersten Weltkrieges Kommandeur des Kriegsgefangenenlagers für Muslime bei Wünsdorf-Zossen. In dem Lager befand sich eine Moschee. Zudem wurde eine Schnitzwerkstatt eingerichtet.

Der deutsche Architekt war aber auch im zivilen Bereich als Architekt tätig und trug unter anderem zur Neugestaltung des Gardelegener Rathauses bei, wo Produkte aus der tatarischen Schnitzwerkstatt des Kriegsgefangenenlagers als Dekoration eingesetzt wurden.

Nach Angaben von Rupert Kaiser, Mitarbeiter für Kultur und Veranstaltungen der Stadt Gardelegen, schmückten bis 1959 zwölf kleine Wandleuchter und zwei große Deckenleuchter den Rathaussaal. 1959 fanden im Foyer und im Saal Umbauten statt und die kunstvollen Schnitzarbeiten wurden entsorgt. Ein einziger Tatarenleuchter, der einst im Rathausfoyer an der Decke angebracht war, überstand den Umbau. Er wurde damals vom Kasantataren Nasibulla geschnitzt und sei heute das wohl einzige noch existierende Stück aus den kunsthandwerklichen Werkstätten dieses Kriegsgefangenenlagers, so Rupert Kaiser.

Gestern wurde der aus Holz bestehende und mit Goldbronze bemalte Leuchter Vertretern aus der Akademie der Wissenschaften Tatarstan (AdW RT), aus dem Brandenburg-Preußen-Museum Wustrau und dem Institut für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien (Magdeburg/Berlin) übergeben. Das Exponat geht nun auf Reisen in die Republik Tatarstan. Es wird für die Ausstellung „Türken, Mohren und Tartaren. Muslime in Brandenburg-Preußen/600 Jahre deutsch-tatarische Kulturkontakte“, die in der dortigen Hauptmoschee „Qul Sharif“ stattfindet, ausgeliehen. Die Exponate für die Ausstellung kommen aus ganz Deutschland. „Dieser Leuchter ist ein wertvolles Exponat für unsere Ausstellung. Und es ist ein Symbol, dass etwas, was Deutsche und Tataren gemeinsam geschaffen haben, den Krieg überdauert hat“, sagte Dr. Marat Gibatdinov, Vize-Direktor für internationale Kooperationen im Institut für Geschichte der AdW RT. Am Ende waren sich alle Anwesenden einig, dass dieser kunstvolle Leuchter eine Völker verbindende Brücke zwischen Gardelegen und der Republik Tatarstan bildet.

Von Marilena Berlan

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare