Gardelegens Stadträte üben scharfe Kritik an Lehrer-Politik der Landesregierung

„Desaster“ und „Versagen“

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Ein verwaister Lehrertisch vor einer leeren Schulklasse: Diesem Horrorszenario will die Stadt Gardelegen mit einem Lehrergewinnungs-Konzept entgegentreten.

Gardelegen. „Ich bin keine Immobilienmaklerin, ich bin die Bürgermeisterin. “ Mandy Zepig, Gardelegens Rathaus-Chefin, schaute am Montagabend leicht säuerlich.

Auch ihr passt das, was sie, Stadtratsmitglied Dirk Kuke und die Vorsitzende des Finanzausschusses, Sandra Hietel, in den vergangenen Monaten federführend erarbeitet haben, nicht wirklich. Aber sie sieht keine Alternative. Denn in ein paar Jahren, so betonte sie während der Stadtratssitzung, würden zahlreiche Lehrkräfte an den Schulen im Gardelegener Stadtgebiet in Rente oder Vorruhestand gehen – und neue Kräfte dringend benötigt.

Doch schon jetzt herrscht in der Region ein Mangel an Lehrkräften. Auch wenn vielerorts offiziell alle Stellen besetzt sind: Längst nicht mehr alle Angebote für Schüler sind machbar, wie der zuständige Schulausschuss erst kürzlich an der Gardelegener Otto-Reutter-Grundschule erfuhr (wir berichteten).

„Immobilienmaklerin“ nannte sich Mandy Zepig deshalb scherzhaft, weil das Konzept zur Lehrergewinnung, das die Mitglieder des Gardelegener Stadtrates am Montagabend mehrheitlich beschlossen, auch vorsieht, Wohnraum für junge Lehrer zur Verfügung zu stellen, die vom Land nach Gardelegen abgesandt werden. Die Wobau hält eine solche Wohnung vor – und es gebe bereits Interessenten, betonte die Bürgermeisterin im Rathaussaal.

Zahlreiche Stadträte meldeten sich anschließend zu Wort und kritisierten vor allem das Land, speziell die von der CDU geführte Landesregierung. Grundtenor: Das Land kümmere sich nicht genügend um neue Lehrer und verschließe vor der Realität – dem baldigen Personalnotstand in den Klassenräumen – die Augen.

„Die tun nix“, so Jörg Marten (SPD-Fraktion), der das „Versagen“ des Ministeriums anprangerte. „Und wir sollen´s als Kommune dann richten.“ Er stimmte neben Walter Thürer und Ulrich Scheffler (alle SPD-Fraktion) gegen das Konzept. Weil Jörg Marten „keinen Wettstreit der Kommunen“ will. Konkret: „Wir bieten 300 Euro als Stipendium, reichere Kommunen erhöhen dann auf 500 oder 800 Euro.“ Außerdem sieht er die Gefahr, dass sich das Land noch mehr als bisher aus der Verantwortung zurückziehe. „Dieses Konzept darf kein Feigenblatt für die Landesregierung sein, die in den vergangenen Jahren eklatant versagt hat“, schimpfte Jörg Marten.

Ähnlich argumentierten der fraktionslose Stadtrat Thorsten Bombach („Das Land versagt und wir müssen nachbessern“) sowie Walter Thürer („Wir müssen das Land in die Pflicht nehmen“). Dirk Kuke (Fraktion Freie Liste / Feuerwehr), auf dessen Initiative hin das Konzept erarbeitet worden ist, befürchtet angesichts von Millionenausgaben der Stadt in die kommunalen Schulen: „Wir haben tolle Grundschulen, aber bald keine Lehrer mehr.“

Linken-Fraktionschef Andreas Höppner – er sitzt für seine Partei zugleich im Landtag – schlug ebenfalls verbal auf die Landesregierung ein. „Wir müssen den Scherbenhaufen zusammenfegen“, erklärte er angesichts der „Tragödie“ um zu wenig Lehrkräfte. Und mit Blick in die Landeshauptstadt: „Meine Erfahrung sagt: Da wird trotzdem nix passieren.“ Gleichwohl, so Höppner, werde das vom Stadtrat beschlossene Lehrergewinnungs-Konzept „Druck auf den Minister ausüben. Das ist nämlich beschämend für ihn.“

Zwar sei, wie Dirk Kuke betonte, dieses Konzept auf Langfristigkeit angelegt und werde möglicherweise nicht sofort greifen. Gleichzeitig sei es eben nicht die ureigenste Aufgabe einer Kommune wie Gardelegen, für das Land Lehrer anzuwerben und dafür auch noch Geld auszugeben. Nochmals Mandy Zepig: „Wenn wir als Stadt kein Geld mehr haben, dann sagt der Kämmerer ganz schnell: Schluss mit lustig.“

Von Stefan Schmidt

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