60 Jahre Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der DDR – Ausstellung im Geschwister-Scholl-Gymnasium eröffnet

Zu DDR-Zeiten tabu, gestern im Mittelpunkt

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Vanessa Knies (von links), Marlene Giggel, Carina Potthast und Hanna Gäde führten gestern interessierte Besucher durch die Ausstellung und erläuterten die Plakate.

Gardelegen. Es war die erste bürgerliche Revolution nach 1848/49 und forderte mindestens 50 Todesopfer – der Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der ehemaligen DDR, der von sowjetischen Panzern blutig niedergeschlagen wurde.

Der Tag galt seit Juli desselben Jahres in der damaligen Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 als „Tag der deutschen Einheit“. Er war ein gesetzlicher Feiertag, der zehn Jahre später zum nationalen Gedenktag wurde, der er heute noch ist. Mit einer Ausstellung in der Aula des Gardelegener Geschwister-Scholl-Gymnasiums, die gestern am 60. Jahrestag eröffnet wurde, wird an die Ereignisse von damals erinnert.

Die Geschichtskurse der zehnten und elften Klasse unter Regie von Lehrerin Andrea Müller zeichnen dafür verantwortlich. Und dass diese Zeit dem Betrachter sehr lebendig vor Augen geführt wird, ist der Verdienst von Marlene Giggel und Vanessa Knies aus der Zehnten sowie Karina Potthast und Hanna Gäde aus der Elften. Denn sie führen die Besucher – dazu gehörten gestern Vormittag zwei neunte Klassen sowie am Nachmittag die interessierte Öffentlichkeit – durch die Ausstellung in der Aula.

Die Schüler der Klasse 9c waren gestern das Premierenpublikum. Sie waren bei der Eröffnung der Ausstellung mit dabei, hörten als Erste die Ausführungen und mussten dabei ein Arbeitsblatt ausfüllen.

Deren Herzstück sind 20 großformatige Plakate vom Bundesministerium für politische Bildung, auf denen die Hintergründe, die zum Volksaufstand führten wie die schlechte wirtschaftliche Lage, die hohen Reparationsleistungen an die damalige UdSSR zu Lasten der Schwerindustrie, die Normerhöhung und Zwangskollektivierung, die Geschehnisse während der Demonstrationen in Berlin, Halle und Bitterfeld, die sich vom Arbeiterkonflikt zum politischen Aufstand entwickelten, sowie der spätere Umgang damit in Ost und West erläutert werden. Die vier Schülerinnen haben sich im Vorfeld mit den Inhalten der Plakate intensiv beschäftigt und weiter recherchiert. Dazu gehören zum Beispiel auch einige Begriffe wie Staatsratsvorsitzender, die den Jugendlichen heute fremd erscheinen, die jedem gelernten DDR-Bürger dafür um so geläufiger sind.

Daran, dass der 17. Juni in der DDR nie zum Thema gemacht, stattdessen so getan wurde, als ob damals nicht viel passiert sei, vor allem in ländlichen Gebieten nicht, erinnerte Schulleiter Dietmar Collatz. Er wurde zwar erst zwei Jahre nach dem Volksaufstand geboren, besuchte aber in dem System, welches damals seine Macht behauptete, die Schule. Er wisse noch genau, resümierte Collatz, dass der Volksaufstand als eine von außen gesteuerte Provokation der Westmächte propagiert wurde und habe heute noch die Worte im Ohr: „So wie ich heute arbeite, so kann ich morgen leben.“ Damit wurde die enorme Erhöhung der Normen begründet, was mehr Arbeit bei gleichem Geld bedeutete – „für mich die eigentliche Ursache des Aufstandes“, so der Schulleiter. Er lobte auch das Engagement der vier Schülerinnen noch einmal: „Ich finde es ganz toll, dass Schüler uns das heute erzählen. Denn es ist eine ganz andere Basis, wenn Schüler zu Schülern etwas sagen.“

Von Elke Weisbach

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